Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

Manchmal handelt es sich um verpasste Chancen, die wir so immer wieder nachleben – das altbekannte „Was wäre wenn?“. Manchmal ist es die abgewandelte Version einer Situation, die uns wirklich passiert ist. Am Ende ist es aber nur ein mögliches Szenario, das einem sehr detaillierten Wunschtraum gleicht. Das Erschreckende dabei? Die Vorstellung, dass alles derart perfekt gelaufen sein könnte, tut mehr weh als jedes worst-case-Szenario, da sie einem lebhaft vor Augen führt, was man verpasst hat (oder verpasst haben könnte). Ich selbst bin ja zugegebenermaßen meisterhaft darin, mir vorzustellen, was alles hätte schief gehen können; sogar, wenn alles zu meiner Zufriedenheit gewesen ist.

Als Mensch, der beinahe chronisch in der Vergangenheit lebt, ist mir dieses Konzept Erinnerungen erneut zu erleben und abzuwandeln alles andere als fremd. Es fühlt sich so an, als würde man beinahe den lieben langen Tag in einem leeren Kinosaal sitzen und sich die Trailer zu Hundert unterschiedlichen Filmen ansehen. Nur dass die Filme zu diesen Trailern nie gemacht wurden.

Die Vergangenheit lässt sich nicht mehr ändern und daran erinnert zu werden, ist nicht immer schön. Trotzdem besuche ich ihn immer wieder – diesen Ort, an dem ich all diese Erinnerungen, die eigentlich keine sind, aufbewahre. Denn für mich ist er nicht nur mit Reue und Melancholie verbunden, obwohl diese Gefühle in mir die meiste Zeit sehr stark  vorhanden sind. Er ist vielmehr wie ein Glas, das bis zum Rand mit vielen bunten Zetteln gefüllt ist und jeder Zettel steht für eine andere, kleine Geschichte. Manchmal kann ich einfach nicht anders, als einen Zettel nach dem anderen aus diesem Glas herauszunehmen und mich darüber zu wundern, wozu der menschliche Geist fähig ist und was für präzise Traumwelten die Fantasie erschaffen kann.

Ich kann diese Traumwelten so formen, wie ich es will und unterlege sie am Ende im besten Fall noch mit der passenden Hintergrundmusik. Denn wer hätte nicht gerne seinen eigenen Soundtrack? Am Ende habe ich das perfekte Replikat einer Erinnerung mit dem einzigen Makel, dass alles, was darin vorkommt, nie so stattgefunden hat.

Vielleicht ist es nicht gut, wenn man so in der Vergangenheit lebt. Immerhin ist die Gefahr, sich in den eigenen Erinnerungen und Träumen zu verlieren, sehr groß. Es kann immer passieren, dass man dabei vergisst, dass vor allem das Hier und Jetzt zählt. Trotzdem glaube ich daran, dass diese Träumereien wichtig für mich sind. Auf eine naive Art und Weise ermöglichen sie es mir, Dinge aus der Vergangenheit „wieder gut zu machen“. Sie befriedigen meinen Hunger nach Fantasie, Gefühlen und Kreativität. Gleichzeitig erinnern sie mich daran, an welchen Punkten in meinem Leben ich etwas hätte anders machen können.

Etwas zu vermissen, das nie da war, mag paradox erscheinen, doch indem ich es regelmäßig in meiner Fantasie nachlebe, verarbeite ich es. Ich arrangiere mich damit, dass es nie wirklich real war und ziehe daraus Energie und Inspiration für neue Geschichten und Tagträume.

Denn ein bisschen träumen wird doch wohl noch erlaubt sein, oder?

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