Ich bin ein verdammt verwöhntes Einzelkind

cash

Ich bin ein verwöhntes Einzelkind. Es hat mir nie an irgendwas gemangelt und es war selten, dass ich nicht das bekommen habe, was ich wollte. Jeden Monat gab es ein schönes Taschengeld und das habe ich gehütet und gespart, um mir die Sachen zu kaufen, die ich unbedingt haben wollte. In meinem Zimmer standen sage und schreibe 3 Sparschweine und ich weiß nicht einmal mehr, wofür die überhaupt gut waren.

Zumindest habe ich immer brav Geld beiseite gelegt und mir schon während meiner Schulzeit ein gutes Polster angespart. Dann kam die Uni. Ich hatte Glück. Während viele meiner Kommilitonen auf Bafög zurückgreifen mussten oder mindestens einen Job nebenher brauchten, bezahlten meine Eltern alles.

Ich muss zugeben, dass es mir zusehends peinlicher wurde, wenn ich sah, wie andere sich den Arsch aufreißen mussten, um über die Runden zu kommen, während ich in meiner schönen WG-Wohnung saß, hin und wieder in der Uni aufschlug und ansonsten faulenzte. Ich gönnte mir immer wieder was von dem Geld, das ich jeden Monat überwiesen bekam, setzte mir aber auch feste Budgets, die ich auch (meistens) einhielt. Irgendwann fing ich an, meine Ausgaben und Einnahmen minutiös festzuhalten.

Als ich mir zum Ende des Bachelors hin einen Job suchte, war das nicht weil ich ihn unbedingt brauchte, sondern weil ich endlich ein Stück Unabhängigkeit gewinnen wollte. Ich wollte etwas für meinen Lebenslauf tun und dafür sorgen, dass meine Eltern mehr Geld für sich einbehalten konnten. Es war mir unangenehm, dass ich mit 22 Jahren noch nie gearbeitet hatte (abgesehen von den obligatorischen Autowäschen für meinem Stiefvater, nachdem ich in der Zeit vor Telefon-Flats für eine horrende Telefonrechnung gesorgt hatte).

Auch während des Masters arbeitete ich und so wurde der Anteil meines selbstverdienten Geldes allmählich größer als der, der mir von meinen Eltern zugschustert wurde. Jetzt, wo ich endlich voll im Berufsleben angekommen bin, bin ich natürlich vollkommen unabhängig, was meine Finanzen angeht.

Und doch musste ich nie erfahren, was es heißt, wirklich hart arbeiten zu müssen. Ich war nie stinkreich, aber ich konnte mir immer Dinge leisten, die für andere vermutlich nicht im Rahmend es möglichen waren. Hier mal ein paar neue Klamotten, da eine neue DVD… Shoppen war und ist für mich ein Hobby.

Es ist ein Luxus, wenn man nicht jeden Cent zweimal herumdrehen muss, bevor man ihn ausgibt. Und es ist erst recht purer Luxus, wenn man mit 25 Jahren „mal eben so“ einen Neuwagen geschenkt bekommt. Ich war und bin verdammt verwöhnt und ich weiß das auch. Ich bin bin ungemein dankbar dafür.

Auch wenn ich mich noch immer oft genug dafür schäme, wie viel Glück ich in der Hinsicht immer hatte. Denn es macht einen manchmal blind für die Probleme anderer – weil man sie in der Form einfach nie hatte. Es macht einen irgendwie ignorant und ein Stück weit naiv. Es sorgt dafür, dass ich nicht gerne über Geld rede. Noch weniger als ohnehin schicklich ist.

Manchmal verstecke ich neue Dinge, die ich mir gekauft habe auch eine gewisse Zeit vor Leuten, die ich kenne, damit sie nicht sehen, dass ich schon wieder shoppen war.

Seit Anfang des Jahres schreibe ich meine Ausgaben nicht mehr auf. Hätte ich es die letzten Monate getan, wäre ich vermutlich vom Glauben abgefallen. Es ist nicht so, dass ich die Kontrolle über mein Geld verloren habe. Dazu achte ich nach wie vor zu sehr darauf.

Es sitzt gerade einfach nur etwas locker, frei nach dem Motto: „Gönnung muss sein.“

Aber wie viel kann oder sollte sich ein Mensch gönnen bevor es unverschämt und ungerecht wird? Der Satz „Ich gönne mir das jetzt mal.“ wäre bei mir absolut fehl am Platz, wenn ich mir außer der Reihe etwas kaufe. Und die Tatsache, dass ich den Gürtel nie wirklich enger schnallen musste, beängstigt mich ein wenig.

Was, wenn es wirklich mal sein muss? Werde ich dann wieder 3 Sparschweine haben müssen, um meine Finanzen zu verwalten? Und die Sparschweine in einen Safe stecken müssen, dessen Code ich nicht kenne damit ich bloß nichts ausgebe?

Geld ist zurecht ein Thema, das mit Vorsicht zu genießen ist. Besonders, wenn man so ein verdammt verwöhntes Einzelkind wie ich ist.

Fragt nicht nach dem Sinn dieses Beitrags. Es ist nur ein Thema, das mir schon lange durch den Kopf gespukt ist. Vermutlich musste ich nur meine Gedanken ein wenig ordnen und wieder klar kommen.

Bald folgen auch wieder gehaltvollere Beiträge. Versprochen.

Aber wenn wir schon mal beim Thema sind: Welche Beziehung habt ihr zum lieben Geld?

 

Weil auch Erwachsene mal das Klopapier vergessen

Kein Klopapier

Die letzten Monate liefen super. Das erkennt man daran, dass hier absolute Funkstille geherrscht hat. Leider neigt der Mensch ja doch eher dazu, sich ausgiebig über die Dinge im Leben auszulassen, die beschissen laufen, als über die, die wirklich schön sind.

Und da bin ich keine Ausnahme.

Aber um den allerersten Satz zumindest kurz zu spezifizieren:

Ein kleines Life-Update

Ich habe direkt zu Anfang des Jahres einen Job angefangen. Einen richtigen Erwachsenen-Job. Einen Job, der mich ungemein erfüllt und mir auch nach fast einem halben Jahr noch Freude macht. Allein das ist schon mehr, als ich mir letztes Jahr um diese Zeit erhofft hatte.

Ich habe meine erste Steuererklärung abgegeben – fast ohne Unterstützung. Und ich war auch noch pünktlich! (An dieser Stelle nochmal ein Gruß an alle, die auch am Abend des 30.05. beim Finanzamt waren, um ihren Wisch einzuwerfen).

Und ich plane möglichst dieses Jahr noch umzuziehen. Mein neues Gehalt macht mich zwar nicht steinreich, aber es reicht, um endlich meine kleine Studentenbutze verlassen zu können und mir was richtiges leisten zu können. Mit einer richtigen Küche. Und Platz für einen Esstisch.

Insgesamt kann ich mich aktuell also kaum beklagen. Der erste Schritt vom nervösen, zukunftsverängstigten Studenten zu einer nicht mehr ganz so nervösen, „erwachsenen“ Frau ist getan.

Und wenn ich es mir so recht überlege, war es alles im Grunde nur halb so schlimm. Ich schwebte regelrecht auf meiner eigenen kleinen Wolke des selbstbewussten, perfekt organisierten Young Professionals.

Bis ich mich eines Morgens mit meiner Lektüre auf der Toilette niederließ und feststellte: Ich habe kein Klopapier mehr. Und nicht nur im Bad. Ich hatte gar kein Klopapier mehr. Ich hatte einfach vergessen, welches zu kaufen.

Klopokalypse? Oder nur ein schlechter Wortwitz?

Und mit einem Mal löste sich diese Wolke unter mir auf, während ich, die Hose noch in den Kniekehlen hängend, in die Küche watschelte und eine Küchenrolle zur Hilfe holte.

Eine. ganze. Woche. lang.

Eine ganze Woche lang habe ich es nicht geschafft, neues Klopapier zu holen.

Und auf einmal fielen mir auch die ganzen anderen Sachen ein, die in der Zeit, die ich die letzten Monate sorgsam verdrängt hatte. Die Wohnung anständig putzen. Das Auto waschen. Pfandflaschen weg bringen und Altglas weg werfen. Diesen Blog hier pflegen!

Das meiste sind nur Kleinigkeiten, die ich mehr oder weniger bewusst unter den Teppich gekehrt habe. Ganz im Zeichen der vielbeschäftigten Arbeiterbiene, die Abends zu müde ist um zu putzen und die sich lieber direkt mit Netflix und einer Schale Chili sin Carne auf das Sofa haut.

Sport um 7 Uhr morgens geht voll klar, aber mal eben ein ausgelatschtes Paar Schuhe in der Mittagspause zum Schuster bringen? Himmelherrgott, nein!

Not a single f*** was given

Am Ende ist das alles ziemlich egal, wenn man mal ehrlich ist. Es ist keine Schande, wenn man sich eine Woche lang den Hintern mit Küchenrolle abwischt. Es ist nur nicht ganz so weich und erfordert mehr Arbeit, weil man das Papier erst in Stücke reißen muss.

Erwachsen sein oder überhaupt erst mal zu werden, heißt nicht, dass man alles perfekt machen muss. Und es ist für mich vielmehr beruhigend zu wissen, dass solche Kleinigkeiten mich nicht mehr aus der Ruhe bringen müssen. Ein Mal kurz resignierend mit dem Kopf schütteln reicht vollkommen aus. Denn im großen und ganzen mache ich doch schon sehr viel richtig.

Nur weil man ein Mal etwas vergessen hat oder seine Prioritäten anders setzt, bedeutet das nicht, dass einen das auf der menschlichen Entwicklungsstufe 10 Schritte zurückwirft.

Das Leben geht weiter. An der Tatsache, dass ich rein lebenstechnisch auf einem verdammt guten Weg bin, ändern auch diese Stolpersteinchen nichts.

So, keep calm, carry on and at least try to make sure you always have some bloomin‘ toilet paper at home!

Der größte Feind des Selbstbewusstseins

vergleichVergleiche sind schon etwas praktisches. Sie helfen uns dabei, uns und andere in einem größeren Kontext zu sehen und unsere Leistungen einzuordnen. Doch so praktisch sie sind, so toxisch können sie auch sein – nämlich wenn man sie zu persönlich nimmt und auf Bereiche bezieht, in denen sie eigentlich keinen Sinn machen.

Nehmen andere den Vergleich an mir vor, finde ich es nicht weiter schlimm. Wenn ich schlechter als jemand anderes abschneide, überlege ich mir woran das liegt und das Leben geht weiter. Weitaus schwerwiegender sind die Vergleiche, die ich mir selbst aufbürde und die nicht selten einen Hang zum Irrationalen haben. In nahezu allen Bereichen des Lebens ist es möglich, mit anderen zu konkurrieren. Das ist es auch, was die meisten Vergleiche prägt: Konkurrenz. Und für mich war das Gefühl, einem anderen Menschen in etwas nachzustehen, egal ob physisch, intellektuell oder charakteristisch gesehen, schon immer etwas, das ich nur schwer beiseite schieben konnte. Ich bin von Natur aus klein und schmal, was mich aber nie davon abhielt so viel schleppen zu wollen, wie Menschen, die eigentlich viel stärker sind als ich – einfach, weil ich nicht schwächer sein wollte. Wenn ich Menschen sehe, die erfolgreicher sind als ich, oder auf irgendeiner Ebene scheinbar mehr erreicht haben, ist das im ersten Moment ein Schlag ins Gesicht. Sofort frage ich mich, warum ich nicht so gut sein kann, wie andere, warum ausgerechnet bei mir alles länger dauert. Das nagt natürlich am Selbstbewusstsein.

In diesem Sinne sind Vergleiche sowohl größter Förderer, als auch größter Feind der Motivation. Andere und ihren Erfolg zu sehen, kann ein unglaublicher Ansporn sein, oder diese Tatkraft im Keim ersticken. Diese Tatsache wurde für mich selten so deutlich, wie in den letzten Wochen, die ich vor allem damit verbracht habe, Bewerbungen raus zu schicken. Denn, wer sich bei einer Firma bewirbt, wird mit Dutzenden von weiteren Bewerbern verglichen. Es kann sein, dass man direkt eine Absage bekommt. Manchmal dauert es aber auch mehrere Runden, bis der potenzielle Arbeitgeber sich, aus welchen Gründen auch immer, gegen einen und für jemand anderen entscheidet. In solchen Situationen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder zu unterliegen, ist anstrengend, doch es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich durchzubeißen.

Ähnlich verhält es sich mit Vergleichen im privaten Umfeld. Es wird immer diesen einen Freund geben, der viel mehr über ein bestimmtes Thema weiß als man selbst, oder der schon viel mehr im Leben erreicht zu haben scheint. All das kann, muss aber nicht, zu Missgunst und Neid führen. Dabei vergessen wir so häufig, dass der Akt des Vergleichens häufig unsinnig ist. Schließlich gibt es immer jemanden, der in etwas besser ist als wir und umgekehrt werden wir immer besser in etwas sein als andere.

Dieser Drang dazu, sich mit anderen zu messen, ist jedoch nur schwer abzuschalten. Wichtiger ist, wie man damit umgeht und dass man davon absieht, sich davon demotivieren zu lassen. Absagen zu bekommen, ist nach wie vor kein schönes Gefühl, doch wenn ich überlege, wie viele Firmen mich schon zum Bewerbungsgespräch eingeladen haben oder die Interesse an mir gezeigt haben, können meine Leistungen gar nicht so schlecht sein. Ich bin also auf einem guten Weg. Und auch wenn ich nicht viel über Technik und Computer weiß, kann nicht jeder mit meinem Wissen über Filmklassiker mithalten. Zu schnell vergisst man, dass die Medaille immer zwei Seiten hat.

Genau so gilt folgendes: Choose your battles wisely. Es bringt nichts, als Laie deine Fähigkeiten im Turmspringen mit denen eines Profis zu vergleichen. Suche den Vergleich nach Möglichkeit nur in Bereichen und mit Leuten, die deinem Stand und deinen aktuellen Fähigkeiten entsprechen. Alles andere führt nur zu unnötiger Frustration.

Nicht umsonst bezeichne ich im Titel den Vergleich als den größten Feind des Selbstbewusstseins. Schließlich müssten wir uns keine Gedanken darum machen, ob wir „gut genug“ sind, wenn wir nicht andere Menschen hätten, mit denen wir uns messen. Wir wären sonst einfach nur wir und vermutlich auch recht zufrieden damit. So ist das Leben aber nicht und deshalb kann ich jedem nur ans Herz legen, sich nicht verrückt zu machen, nur weil man weniger Geld verdient als jemand anderes, oder nicht so schnell durch den Park joggt. Außerdem weiß man nie, worum die anderen Menschen einen beneiden.

„Ich will alles. Nur nicht so ganz.“

Sprung

„Vegan würde ich ja schon gerne mal ausprobieren, aber ich mag Fleisch so gerne. Das muss ja voll hart sein!“
„Ein bis zwei Jahre im Ausland wären schon geil, aber dafür muss man so viel planen. Wahrscheinlich klappt das sowieso nicht.“
„Eigentlich hätte ich gerne eine Beziehung, aber single zu sein ist so bequem. Da muss ich keine Kompromisse eingehen.“

Fast jeden Tag nehmen wir uns Dinge vor, die wir tun oder erreichen wollen. Egal, ob das nur Kleinigkeiten sind, die auf einem Klebezettelchen als To Do-Liste abgehakt werden, oder Dinge, von denen wir glauben, dass sie unser ganzes Leben verändern könnten. Was auch immer wir machen wollen, dieser gute Wille alleine reicht oft nicht. Continue reading „„Ich will alles. Nur nicht so ganz.““

Pokémon Go – Albtraum eines Misanthropen

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Wer erinnert sich nicht an sein erstes Pokémon-Spiel? Ich habe es damals abgöttisch geliebt und Stunden mit meinem Game Boy verbracht. Und eben weil dieses Spiel auf so viele weitere Menschen in meinem Alter so einen Einfluss hatte, war es nur natürlich, dass die Ankündigung von Pokémon Go wie eine Bombe einschlagen würde.

Weil ich zu den fiesen „Hipstern“ gehöre, die Neuheiten und Neuauflagen von Klassikern grundsätzlich meiden, hatte ich ursprünglich geplant das Spiel, im Gegensatz zu den mehreren Millionen Bekloppten rund um den Erdball, erstmal zu boykottieren. Am Ende installierte ich das Spiel noch am deutschen Erscheinungstag – und wurde schnell mit ein paar Problemen konfrontiert, die nur Leute, die genau so menschenscheu und misanthrop wie ich selbst veranlagt sind, verstehen können. Alle anderen werden mich wohl ab sofort für vollkommen gaga halten.

Warum muss ich mich einem Team anschließen um zu kämpfen?

Sicher, wir lernen schon in der Schule, dass Team-Spirit wichtig ist. Einer für alle und alle für einen und so, aber warum werde ich dazu gezwungen mich einem Team anzuschließen, wenn ich kämpfen will? Mich persönlich hat ja keines der Teams wirklich angesprochen, also habe ich mich dem gelben Team angeschlossen, weil das meinem Gefühl nach das zu sein schien, das den geringsten Beliebtheitsgrad hat. Ein bisschen rebellisch sind wir dann ja doch, ne? Aber einen wirklichen Nutzen haben die Teams anscheinend auch nicht, außer dass sie das so genannte „in-group bias“ voll ausschöpfen und zu Unfrieden zwischen den einzelnen Teams sorgen.

So viele Menschen…

Ich wiederhole: SO viele Menschen. Selbst als ich gestern Abend gegen 21 Uhr für einen kleinen Spaziergang nach draußen ging, kamen mir überall Menschen entgegen, die ihren Blick wie hypnotisiert auf ihre Smartphones geheftet hatten. Sogar in Rudeln sind sie durch die Straßen gestreift! Aber kein Wunder, wenn schon Treffen dafür organisiert werden, an denen lockere mehrer Dutzend Leute teilnehmen. Dabei wollte ich doch nur mal nach draußen und nebenbei ein paar Pokémon fangen, aber doch nicht wenn da so ein Massenandrang herrscht. Wo bleibt denn da die Entspannung? Abgesehen davon turnt es mich schon ab, wenn ich mich so einem Hype hingebe und Menschen sofort sehen können, dass ich ihm erlegen bin, weil ich genau das gleiche Verhaltensmuster an den Tag lege (was mich am Ende nicht unbedingt besser macht). Ich habe also einen großen Bogen um Menschenansammlungen gemacht, die sich ja besonders gerne bei den Arenen tummeln, aber auch um Gruppen, die aus zwei oder mehr Leuten bestanden. Und ich habe versucht, mich möglichst unauffällig zu geben. Ich will schließlich auch nicht, dass mir jemand aufs Trapez guckt, wenn ich eines von den Tierchen fangen will. Dabei habe ich mich rückblickend wahrscheinlich nur noch verdächtiger gemacht…

Wow, so kommunikativ!

Von vielen wurde an Pokémon Go gelobt, dass es einem erlaubt mit anderen in Kontakt zu treten. Wie schon erwähnt, sind gerade die Arenen ein beliebter Treffpunkt und laden dazu ein neue Leute Kennen zu lernen. Man kann sich austauschen oder mit Freunden zusammen losziehen. An sich ist es ein netter Gedanke und ich kann es verstehen, warum er allgemein so positiv aufgenommen wird, aber mir kann man mit diesem Feature keine Freude machen. Gerade an Videospielen habe ich immer geschätzt, dass sie vollkommen ohne die Interaktion mit anderen Menschen auskommen. Ich muss mich mit niemandem treffen und ich muss mit niemandem reden. Perfekt! Natürlich zwingt mich auch jetzt keiner dazu, mich in den nächsten Kreis von Pokémon Go-Spielern zu werfen und „Hier bin ich!“ zu schreien, doch ich fände es nett, wenn ich zumindest an einem Kampf teilnehmen könnte, ohne mich in diese Gefahrenzone bewegen zu müssen, in der die Gefahr angesprochen zu werden, exponentiell um ein vielfaches ansteigt. Ich bin ein Jäger und Sammler und kein Talkshow-Moderator.

Der Hype

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gut darin bin, mich von Anfang an einem Hype anzuschließen. Aus diesem Grund habe ich mich lange dagegen gewehrt Harry Potter zu lesen oder Game of Thrones zu gucken. Je größer der Hype, desto größer mein Drang zu flüchten.Im Grunde ist es schön, wenn viele Menschen die gleiche Leidenschaft teilen und man sich mit einem größeren Kreis darüber austauschen kann. Ich für meinen Teil fand es aber immer schöner etwas zu haben, von dem ich das Gefühl habe, dass es eben nicht jedem gefällt. Etwas, das ich für mich behalten kann und das meinem eigenen persönlichen Vergnügen dient, ohne dass jemand anderes seinen Senf dazu gibt. Bei so Geschichten wie Pokémon Go ist es, zumindest für eine gewisse Zeit, unmöglich ihnen zu entkommen. Jeder redet darüber. Jeder spielt es und jeder bindet es einem 24/7 auf die Nase. Das einzig Schöne an so eine Hype ist, dass er irgendwann abflaut und alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

Ich muss sagen, dass ich das Spiel an sich für eine wunderbare Idee halte und dass es zugegebenermaßen viel Spaß macht, doch insgeheim ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn die Menschentrauben sich allmählich auflösen und ich nicht mehr an jeder Ecke hören muss: „Boah nee, schon wieder ein Taubsi!“

Ach ja, habe ich schon was für ein befremdliches Gefühl das ist, wenn man seine eigene Nachbarschaft auf der Karte eines Spiels sieht?

Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft

GesellschaftAls Kind hatte ich nie einen besonderen Berufswunsch. Ich wollte nie Tierärztin werden oder Kindergärtnerin oder von mir aus auch Feuerwehrfrau, um die Klischees mal zu durchbrechen. Ich habe in der Grundschule wahnsinnig gerne Geschichten geschrieben, die rückblickend betrachtet mehr als makaber für mein zartes Alter waren, und ich habe gerne gemalt. Auch später war ich eher der Typ Person, den man gemeinhin als „kreativ“ bezeichnet.

Für beides hatte ich eine gewisse Leidenschaft, das Schreibe und das Zeichnen, doch als ich das Gefühl bekam, dass meine Zeichnungen einfach nicht gut genug waren, hörte ich damit auf. Das Schreiben begleitete mich aber ständig weiter – manchmal mehr, manchmal weniger intensiv. Hätte ich jemals einen wirklichen Berufswunsch gehabt, wäre es vermutlich Schriftstellerin gewesen.

Nach dem Abitur 2010 kam die Frage, was ich mit mir anfangen will. Die Entscheidungen, die du in der Zeit während des Abiturs und kurz danach triffst, kommen dir zu dem Zeitpunkt noch unglaublich wichtig vor. Du glaubst, dass du mit dem nächsten Schritt dein ganzes Leben bestimmst, doch dem ist nicht so. Nichts ist in Stein gemeißelt. Ich für meinen Teil hatte keinen konkreten Plan, keine Ambition. Ich wusste nur, dass ich Japan gerne mag, dass es das ist, was mich schon lange interessiert. Also bin ich nach Bonn gezogen und studierte Asienwissenschaften.

Wer immer eine Geisteswissenschaft studiert, kennt vermutlich die leidliche Frage: „Und was macht man dann damit?“ Würde ich für jedes Mal, wenn ich diese Frage höre 1€ bekommen, müsste ich nicht mehr arbeiten gehen. Und weil ich selber keine Ahnung hatte, erzählte ich allen, ich würde später „die Auslandskorrespondenz für deutsche Konzerne übernehmen“ oder „in eine japanische Firma in Deutschland gehen“. Das erzählte ich allen, die es hören wollten und versuchte es selbst auch zu glauben. Ich hatte ein Fach gewählt, von dem alle Welt zu glauben schien, dass man damit keinen „vernünftigen“ Job kriegen kann. Und ich gelangte selbst zu der Überzeugung, dass ich damit nur ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden kann, wenn ich in die wirtschaftliche Richtung gehe.

Doch was ist ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft?

Ist es nicht eigentlich ein Irrglaube, dass man nur nützlich ist, wenn man Arzt, Manager, oder Ingenieur wird? Kann man nicht auch nützlich sein, indem man Bücher schreibt, die Menschen berühren und sie wenigstens für ein paar Stunden aus ihrem tristen Alltag reißen? Oder wenn man Bilder malt, die sich Menschen in ihre Wohnungen hängen und Freude daran haben? Wer hat beschlossen, dass etwas kreatives weniger wichtig ist?

Je länger ich versucht habe auf dem Pfad der Vernunft zu wandeln und einen Kompromiss zu finden, desto mehr frage ich mich warum ich überhaupt Kompromisse eingehen muss.Warum nicht einfach machen, was ich will? Ist es das Risiko nicht wert?

Etwas zu tun, nur um sich der Illusion hinzugeben, dass man etwas realistisches macht – etwas, das von der Gesellschaft allgemein als erfolgreich und erstrebenswert angesehen wird, ist die größte Zeitverschwendung. Und doch hält es einen oft genug davon zurück, das zu tun, wofür man sich wirklich interessiert. Und selbst wenn diese Interessen sich ändern, scheiß drauf. Dann nimmt man halt eine neue Abzweigung und lässt alles weitere auf sich zukommen.

Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist nicht zwingend derjenige, der von 9 bis 5 im Büro sitzt und die Dinge tut, von denen er glaubt, dass er sie tun muss. Ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft ist derjenige, der voll in dem aufgeht, was er tut und andere damit ansteckt – sie inspiriert.

Ich will endlich ein wertvolles Mitglied der Gesellschaft werden, aber auf meine Art.