Eine subtile Großstadt-Romantik

GroßstadtManchmal träume ich davon, wie ich einen Raum betrete. Es kann ein Club sein oder eine private Party. Der Raum ist nur schwach beleuchtet – für die Stimmung natürlich. Überall sind Menschen. Sie lachen, tanzen und unterhalten sich. Es ist laut und die Luft ein wenig schwül.

Ich lasse den Blick kurz über das Geschehen schweifen, auf der Suche nach bekannten Gesichtern. Und dann sehe ich ihn. Wir schauen einander an und müssen lächeln. Dabei kennen wir uns nicht einmal. Das ist er, dieser magische Moment. Langsam bahne ich mir einen Weg durch die Menge. Um mich herum sind Menschen, die einander schon gefunden haben – in Gespräche vertieft, oder sogar noch mehr. Er kommt mir entgegen bis wir einander direkt gegenüber stehen. Noch ein verlegenes Grinsen… und dann?

Es ist eine Szene wie aus einem typischen, urbanen Hollywood-Märchen. Eines dieser belanglosen Filmchen, die man sich hin und wieder auf Netflix anschaut, weil man nichts besseres zu tun hat. Also eigentlich weder besonders realistisch, noch etwas, das man als Film in den meisten Fällen wirklich ernst nehmen würde.

Und obwohl ich mir solche Filme gerne mal ansehe, würde ich mich privat im Leben nicht als besonders romantischen Menschen bezeichnen. Ich liebe Romantik bei anderen Menschen – oder halt im Film – aber nicht in meinem eigenen Leben. Keine selbst geschriebenen Gedichte und auch bitte keine kitschigen, öffentlichen Heiratsanträge.

Trotzdem ist da dieses „Mädchen-Mädchen“ in mir, das sich hin und wieder diesen Anflug plötzlicher, urbaner Romantik wünscht. DWie dieses sofortige Gefühl der engen Verbundenheit mit einem Fremden und das Wissen, dass diese andere Person etwas Besonderes sein könnte. Dabei denke ich noch nicht mal daran, in dieser Person die Liebe meines Lebens zu finden. Es geht nur um den Moment an sich. Ich stelle mir dann eher vor, dass schon ohne viele Worte dieses warme Kribbeln im Bauch aufkommt. Man versteht sich; man ist sich auf Anhieb sympathisch.

Vielleicht verbringt man die Nacht zusammen (auf welche Art auch immer). Vielleicht verabredet man sich aber auch erst für den nächsten Tag und geht mit dem Gefühl ins Bett, dass man gerne die ganze Welt umarmen möchte. Es gibt noch keine Verbindlichkeiten oder großen Visionen. Ein bisschen von dieser subtilen Romantik ist für mich das bisschen Medizin, das diese Welt ab und an braucht.

Im Gegensatz zu den ganzen Hollywood-Schmonzetten, die immer wieder die Kinos fluten, geht es hierbei nicht um das endgültige Happy End und das Einlaufen in den Hafen der Ehe. Es geht um kleine Momente, in denen die Luft anfängt zu knistern. Man vergisst alles um einen herum, lebt für kurze Zeit in dieser Blase, in der alles leicht, schön und aufregend ist.

Ich will kein Eigenheim mit Mann und Kind. Ich will nur ein bisschen von dieser flüchtigen Großstadt-Romantik, die einen überall und jederzeit ereilen kann. Ohne Verpflichtungen. Ohne Stress. Nur ein kurzes Auflodern der Gefühle, das dann langsam in der Nacht verglimmt.

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Jane Austen – aber als Hippie im Petticoat

Nostalgie2Wer in unserer Zeit hier in Deutschland lebt, kann sich eigentlich kaum beschweren. Ich kann es jedenfalls nicht. Ich habe einen tollen Job mit einem gesicherten Einkommen und einer Krankenversicherung. Ich darf wählen, obwohl ich eine Frau bin. Und ich darf (fast immer) anziehen, was ich will.

Freiheiten wie diese, waren vor vielen Jahren nicht selbstverständlich. Noch vor ein paar Jahrzehnten mussten Frauen ihre Männer fragen, ob sie arbeiten gehen dürfen. Saß eine Frau in der Auto-Nation Deutschland dann auch noch hinter dem Steuer, wurde erst recht die Nase gerümpft. Wirklich viel entscheiden, durfte man damals ohnehin nicht. Wenn der Sohn vom Bauer Humpe nebenan aus Sicht der Eltern eine vielversprechende Partie abgab, dann wurde der halt geheiratet.

„Früher“ oder „damals“ war nicht immer alles besser. Ich wage sogar zu behaupten, dass wir, trotz all es Wahnsinns um uns herum, noch eine Menge Glück haben. Dennoch trifft sie viele von uns immer wieder: diese Nostalgie für längst vergangene Zeiten. Und damit meine ich nicht unbedingt die 80er oder 90er, die auf sämtlichen Parties abgefeiert werden. Die Zeiten von denen ich spreche, haben wir in der Regel nicht mal selbst miterlebt.

Wahrscheinlich faszinieren sie uns gerade deshalb. Wie oft hast du dich schon gefragt: „Was wäre, wenn ich zu dieser Zeit gelebt hätte?

Oder bin ich einfach nur komisch? Denn ich für meinen Teil stelle mir diese Frage sehr häufig – und kann mich dabei nie für eine Epoche entscheiden. Mal will ich im Puffärmel-Kleidchen auf feinen Gesellschaften nach dem perfekten Mr. Darcy suchen. Mal will ich den ganzen Wahnsinn der Werbeagenturen auf der New Yorker Madison Avenue der 60er-Jahre miterleben. Oder ich träume davon, eine echte Sommerfrische im Stil der 20er mitzuerleben.

Natürlich sind das alles nur idealisierte Träumereien. Es sind Wunschvorstellungen, die nichts mit der damaligen Realität gemein haben. Denn die war mit Sicherheit für die meisten Menschen um einiges härter, als man es sich heute vorstellt. Die Regency-Ära war kein einziges Happy End, wie ein Jane-Austen-Roman. Und Versailles bestand nicht nur aus rauschenden Festen.

So fernab diese Gedankenspiele auch sein mögen, so glaube ich trotzdem, dass sie mir gut tun. Sie regen meine Fantasie an und bieten mir eine Möglichkeit, den Alltag hinter mir zu lassen. Gleichzeitig verleiten sie mich oft dazu, mich mehr über diese Epochen zu informieren. Um eben nicht nur in meiner Traumwelt festzustecken.

Ich bin froh darüber, dass es heutzutage genug Mittel und Wege gibt, diese Nostalgie auszuleben. In meiner Wohnung findet sich das eine oder andere kleine Flohmarktstück, das eine eigene Geschichte erzählt. In meiner DVD-Sammlung stehen Kostümschinken neben waschechten Hollywood-Klassikern aus den 50ern. Und Oscar Wilde teilt sich mein Bücherregal mit Biographien über Madame de Pompadour.

Viele können damit nichts anfangen. Für die ist Geschichte sowieso dröge und langweilig und dem alten Kram können sie einfach nichts abgewinnen. Für mich ist es eine Art, meinem Leben mehr Würze zu verleihen. Es ist wie die Prise Zimt, die aus einer einfachen, heißen Schokolade, eine richtig leckere, heiße Schokolade macht.

Und so sehr ich unsere heutige Zeit mit all ihren Annehmlichkeiten liebe, so zu 100% habe ich noch nie zu ihr gehört. Dafür hat die Vergangenheit einfach zu viel zu bieten. Da wäre ich gerne mal Jane Austen – aber bitte als Hippie und im Petticoat.

Und du so?

Nostalgischer Träumer oder eher ein Kind der Moderne?

Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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