Zusammen ist man weniger allein?

Zusammen

Ich habe nie geglaubt, dass ich zwingend einen anderen Menschen an meiner Seite brauche um mich ganz zu fühlen. Die meiste Zeit meines Lebens war ich mir selbst genug. Vielleicht liegt das an meiner Mentalität als Einzelkind. Ich war es schon immer gewohnt alleine zu sein und mit mir selbst aus zukommen. Und so sehr ich die Zeit mit den Menschen, die mir am Herzen liegen auch schätze, am Ende bin ich immer froh, wenn ich irgendwann  endlich wieder alleine bin.

In einer Welt in der nur gehört wird wer am lautesten schreit, wird einem am laufenden Band zu verstehen gegeben, dass es nicht richtig ist, wenn man alleine sein will; dass es nicht gut ist, wenn man still ist; dass man zusammen einfach weniger allein ist. Dabei habe ich nie verstanden, was daran schlecht ist allein zu sein. Man kann tun, was man will und voll und ganz auf die eigenen Bedürfnisse eingehen ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Allerdings verstehe ich allmählich, was passiert, wenn man zu viel Zeit allein verbringt. Man tendiert dazu ein wenig abzustumpfen. Damit will ich nicht sagen, dass ich unsensibel bin und mich nicht in meine Mitmenschen hineinversetzen kann. Vielmehr meine ich damit, dass es schwieriger wird,die eigenen Gefühle nach außen zu kehren. Es scheint nicht sonderlich wichtig zu sein. Immerhin macht man sowieso alles mit sich selbst aus. Dabei verletzt man andere oftmals mehr indem man ihnen nichts erzählt, als dass man sie mit den eigenen Sorgen und Ängsten belästigt.

Ich bin kein Mensch, der in die Welt hinausgeht, um zwanghaft nach Gleichgesinnten zu suchen mit denen ich mich austauschen kann. Ich brauche niemanden, der mich bei jedem kleinen Schritt, den ich gehe, bekräftigt. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass er gerne Zeit mit mir verbringt. Ich brauche niemanden, der mich in den Arm nimmt. All das brauche ich nicht.

Nichtsdestotrotz ist es schön jemanden zu haben, der all diese Dinge tut. Es geht nicht immer nur darum, ob man das Gefühl hat, dass etwas wirklich nötig ist. Manchmal reicht es schon, wenn es einfach nur gut tut. Das Schwierige dabei ist, es hinzunehmen und auch zuzugeben – nicht nur vor sich selbst, sondern gerade vor anderen.

Bestätigung, Zuneigung, Zärtlichkeit.

All das wird viel zu oft im Kampf um Autonomie und Selbstzufriedenheit geopfert. Denn so krampfhaft wie manche Menschen versuchen nicht alleine zu sein, so krampfhaft versuchen andere ihre Mitmenschen nicht zu nah an sich heran zu lassen. Und je länger man sich dagegen sträubt sich emotional auf jemanden einzulassen, desto schwieriger wird es überhaupt eine Bindung zu jemanden aufzubauen.

Wer wirklich alle Schotten dicht macht, steht irgendwann ganz allein da. Und alles, was dann an die Tür klopft, wirkt bedrohlich und beängstigend. Dabei sollten Menschen doch genau das nicht sein. In der Regel sind sie es auch nicht, aber diese kleine Insel auf der man sitzt, ist zu bequem um sie einfach so zu verlassen. Denn was passiert, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt? Entweder lassen sie einen irgendwann kalt oder sie werden einem wichtig,was weitaus gruseliger ist. Manchmal werden sie sogar so wichtig, dass man plötzlich nicht mehr nur allein sein möchte. Ein Gedanke, der beängstigend wirken kann.

Zusammen ist man weniger allein. Früher habe ich mal über diesen Spruch gelacht und geglaubt, dass der nur von jemandem kommen kann, der mit sich selbst nicht im reinen ist, der nicht allein sein kann, weil er es nicht gewöhnt ist. Die Wahrheit ist aber viel unbequemer: Ich habe nie gelernt, wie man mit jemandem zusammen funktioniert.

Allein sein zu wollen ist nicht falsch, doch es ist genau so wenig falsch es sich einzugestehen, wenn man es nicht mehr sein möchte.

 

Pokémon Go – Albtraum eines Misanthropen

pokemon

Wer erinnert sich nicht an sein erstes Pokémon-Spiel? Ich habe es damals abgöttisch geliebt und Stunden mit meinem Game Boy verbracht. Und eben weil dieses Spiel auf so viele weitere Menschen in meinem Alter so einen Einfluss hatte, war es nur natürlich, dass die Ankündigung von Pokémon Go wie eine Bombe einschlagen würde.

Weil ich zu den fiesen „Hipstern“ gehöre, die Neuheiten und Neuauflagen von Klassikern grundsätzlich meiden, hatte ich ursprünglich geplant das Spiel, im Gegensatz zu den mehreren Millionen Bekloppten rund um den Erdball, erstmal zu boykottieren. Am Ende installierte ich das Spiel noch am deutschen Erscheinungstag – und wurde schnell mit ein paar Problemen konfrontiert, die nur Leute, die genau so menschenscheu und misanthrop wie ich selbst veranlagt sind, verstehen können. Alle anderen werden mich wohl ab sofort für vollkommen gaga halten.

Warum muss ich mich einem Team anschließen um zu kämpfen?

Sicher, wir lernen schon in der Schule, dass Team-Spirit wichtig ist. Einer für alle und alle für einen und so, aber warum werde ich dazu gezwungen mich einem Team anzuschließen, wenn ich kämpfen will? Mich persönlich hat ja keines der Teams wirklich angesprochen, also habe ich mich dem gelben Team angeschlossen, weil das meinem Gefühl nach das zu sein schien, das den geringsten Beliebtheitsgrad hat. Ein bisschen rebellisch sind wir dann ja doch, ne? Aber einen wirklichen Nutzen haben die Teams anscheinend auch nicht, außer dass sie das so genannte „in-group bias“ voll ausschöpfen und zu Unfrieden zwischen den einzelnen Teams sorgen.

So viele Menschen…

Ich wiederhole: SO viele Menschen. Selbst als ich gestern Abend gegen 21 Uhr für einen kleinen Spaziergang nach draußen ging, kamen mir überall Menschen entgegen, die ihren Blick wie hypnotisiert auf ihre Smartphones geheftet hatten. Sogar in Rudeln sind sie durch die Straßen gestreift! Aber kein Wunder, wenn schon Treffen dafür organisiert werden, an denen lockere mehrer Dutzend Leute teilnehmen. Dabei wollte ich doch nur mal nach draußen und nebenbei ein paar Pokémon fangen, aber doch nicht wenn da so ein Massenandrang herrscht. Wo bleibt denn da die Entspannung? Abgesehen davon turnt es mich schon ab, wenn ich mich so einem Hype hingebe und Menschen sofort sehen können, dass ich ihm erlegen bin, weil ich genau das gleiche Verhaltensmuster an den Tag lege (was mich am Ende nicht unbedingt besser macht). Ich habe also einen großen Bogen um Menschenansammlungen gemacht, die sich ja besonders gerne bei den Arenen tummeln, aber auch um Gruppen, die aus zwei oder mehr Leuten bestanden. Und ich habe versucht, mich möglichst unauffällig zu geben. Ich will schließlich auch nicht, dass mir jemand aufs Trapez guckt, wenn ich eines von den Tierchen fangen will. Dabei habe ich mich rückblickend wahrscheinlich nur noch verdächtiger gemacht…

Wow, so kommunikativ!

Von vielen wurde an Pokémon Go gelobt, dass es einem erlaubt mit anderen in Kontakt zu treten. Wie schon erwähnt, sind gerade die Arenen ein beliebter Treffpunkt und laden dazu ein neue Leute Kennen zu lernen. Man kann sich austauschen oder mit Freunden zusammen losziehen. An sich ist es ein netter Gedanke und ich kann es verstehen, warum er allgemein so positiv aufgenommen wird, aber mir kann man mit diesem Feature keine Freude machen. Gerade an Videospielen habe ich immer geschätzt, dass sie vollkommen ohne die Interaktion mit anderen Menschen auskommen. Ich muss mich mit niemandem treffen und ich muss mit niemandem reden. Perfekt! Natürlich zwingt mich auch jetzt keiner dazu, mich in den nächsten Kreis von Pokémon Go-Spielern zu werfen und „Hier bin ich!“ zu schreien, doch ich fände es nett, wenn ich zumindest an einem Kampf teilnehmen könnte, ohne mich in diese Gefahrenzone bewegen zu müssen, in der die Gefahr angesprochen zu werden, exponentiell um ein vielfaches ansteigt. Ich bin ein Jäger und Sammler und kein Talkshow-Moderator.

Der Hype

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gut darin bin, mich von Anfang an einem Hype anzuschließen. Aus diesem Grund habe ich mich lange dagegen gewehrt Harry Potter zu lesen oder Game of Thrones zu gucken. Je größer der Hype, desto größer mein Drang zu flüchten.Im Grunde ist es schön, wenn viele Menschen die gleiche Leidenschaft teilen und man sich mit einem größeren Kreis darüber austauschen kann. Ich für meinen Teil fand es aber immer schöner etwas zu haben, von dem ich das Gefühl habe, dass es eben nicht jedem gefällt. Etwas, das ich für mich behalten kann und das meinem eigenen persönlichen Vergnügen dient, ohne dass jemand anderes seinen Senf dazu gibt. Bei so Geschichten wie Pokémon Go ist es, zumindest für eine gewisse Zeit, unmöglich ihnen zu entkommen. Jeder redet darüber. Jeder spielt es und jeder bindet es einem 24/7 auf die Nase. Das einzig Schöne an so eine Hype ist, dass er irgendwann abflaut und alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

Ich muss sagen, dass ich das Spiel an sich für eine wunderbare Idee halte und dass es zugegebenermaßen viel Spaß macht, doch insgeheim ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn die Menschentrauben sich allmählich auflösen und ich nicht mehr an jeder Ecke hören muss: „Boah nee, schon wieder ein Taubsi!“

Ach ja, habe ich schon was für ein befremdliches Gefühl das ist, wenn man seine eigene Nachbarschaft auf der Karte eines Spiels sieht?