Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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Zusammen ist man weniger allein?

Zusammen

Ich habe nie geglaubt, dass ich zwingend einen anderen Menschen an meiner Seite brauche um mich ganz zu fühlen. Die meiste Zeit meines Lebens war ich mir selbst genug. Vielleicht liegt das an meiner Mentalität als Einzelkind. Ich war es schon immer gewohnt alleine zu sein und mit mir selbst aus zukommen. Und so sehr ich die Zeit mit den Menschen, die mir am Herzen liegen auch schätze, am Ende bin ich immer froh, wenn ich irgendwann  endlich wieder alleine bin.

In einer Welt in der nur gehört wird wer am lautesten schreit, wird einem am laufenden Band zu verstehen gegeben, dass es nicht richtig ist, wenn man alleine sein will; dass es nicht gut ist, wenn man still ist; dass man zusammen einfach weniger allein ist. Dabei habe ich nie verstanden, was daran schlecht ist allein zu sein. Man kann tun, was man will und voll und ganz auf die eigenen Bedürfnisse eingehen ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Allerdings verstehe ich allmählich, was passiert, wenn man zu viel Zeit allein verbringt. Man tendiert dazu ein wenig abzustumpfen. Damit will ich nicht sagen, dass ich unsensibel bin und mich nicht in meine Mitmenschen hineinversetzen kann. Vielmehr meine ich damit, dass es schwieriger wird,die eigenen Gefühle nach außen zu kehren. Es scheint nicht sonderlich wichtig zu sein. Immerhin macht man sowieso alles mit sich selbst aus. Dabei verletzt man andere oftmals mehr indem man ihnen nichts erzählt, als dass man sie mit den eigenen Sorgen und Ängsten belästigt.

Ich bin kein Mensch, der in die Welt hinausgeht, um zwanghaft nach Gleichgesinnten zu suchen mit denen ich mich austauschen kann. Ich brauche niemanden, der mich bei jedem kleinen Schritt, den ich gehe, bekräftigt. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass er gerne Zeit mit mir verbringt. Ich brauche niemanden, der mich in den Arm nimmt. All das brauche ich nicht.

Nichtsdestotrotz ist es schön jemanden zu haben, der all diese Dinge tut. Es geht nicht immer nur darum, ob man das Gefühl hat, dass etwas wirklich nötig ist. Manchmal reicht es schon, wenn es einfach nur gut tut. Das Schwierige dabei ist, es hinzunehmen und auch zuzugeben – nicht nur vor sich selbst, sondern gerade vor anderen.

Bestätigung, Zuneigung, Zärtlichkeit.

All das wird viel zu oft im Kampf um Autonomie und Selbstzufriedenheit geopfert. Denn so krampfhaft wie manche Menschen versuchen nicht alleine zu sein, so krampfhaft versuchen andere ihre Mitmenschen nicht zu nah an sich heran zu lassen. Und je länger man sich dagegen sträubt sich emotional auf jemanden einzulassen, desto schwieriger wird es überhaupt eine Bindung zu jemanden aufzubauen.

Wer wirklich alle Schotten dicht macht, steht irgendwann ganz allein da. Und alles, was dann an die Tür klopft, wirkt bedrohlich und beängstigend. Dabei sollten Menschen doch genau das nicht sein. In der Regel sind sie es auch nicht, aber diese kleine Insel auf der man sitzt, ist zu bequem um sie einfach so zu verlassen. Denn was passiert, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt? Entweder lassen sie einen irgendwann kalt oder sie werden einem wichtig,was weitaus gruseliger ist. Manchmal werden sie sogar so wichtig, dass man plötzlich nicht mehr nur allein sein möchte. Ein Gedanke, der beängstigend wirken kann.

Zusammen ist man weniger allein. Früher habe ich mal über diesen Spruch gelacht und geglaubt, dass der nur von jemandem kommen kann, der mit sich selbst nicht im reinen ist, der nicht allein sein kann, weil er es nicht gewöhnt ist. Die Wahrheit ist aber viel unbequemer: Ich habe nie gelernt, wie man mit jemandem zusammen funktioniert.

Allein sein zu wollen ist nicht falsch, doch es ist genau so wenig falsch es sich einzugestehen, wenn man es nicht mehr sein möchte.

 

„Ich will alles. Nur nicht so ganz.“

Sprung

„Vegan würde ich ja schon gerne mal ausprobieren, aber ich mag Fleisch so gerne. Das muss ja voll hart sein!“
„Ein bis zwei Jahre im Ausland wären schon geil, aber dafür muss man so viel planen. Wahrscheinlich klappt das sowieso nicht.“
„Eigentlich hätte ich gerne eine Beziehung, aber single zu sein ist so bequem. Da muss ich keine Kompromisse eingehen.“

Fast jeden Tag nehmen wir uns Dinge vor, die wir tun oder erreichen wollen. Egal, ob das nur Kleinigkeiten sind, die auf einem Klebezettelchen als To Do-Liste abgehakt werden, oder Dinge, von denen wir glauben, dass sie unser ganzes Leben verändern könnten. Was auch immer wir machen wollen, dieser gute Wille alleine reicht oft nicht. Continue reading „„Ich will alles. Nur nicht so ganz.““

365 Tage Leben – und ein Blick in die Zukunft?

Feuerwerk

Während ich das hier schreibe, feiert eine meiner engsten Freundinnen ihren ersten Hochzeitstag. Heute vor einem Jahr hat sie geheiratet. Dabei fühlt es sich noch so frisch an, als wäre es erst gestern gewesen. Heute ist also definitiv noch nicht Silvester, doch Ereignisse wie dieses lassen einen trotzdem über das nachdenken, was einem bisher im Leben passiert ist, insbesondere in dieser einen Zeitspanne. Innerhalb dieses einen Jahres war ich zwei Mal in Schottland, habe eine Beförderung auf der Arbeit erhalten, angefangen meine Master-Arbeit zu schreiben und ich habe angefangen Ukulele zu lernen. Und natürlich waren da noch viele andere große und kleine Dinge, die ich an dieser Stelle nicht alle aufzählen kann.

Wenn ein neues Jahr anfängt, frage ich mich immer, was ich mit der ganzen Zeit machen soll, vor allem aber wie ich sie sinnvoll nutzen kann. Es werden Pläne geschmiedet von denen vielleicht die Hälfte wirklich umgesetzt wird. Nachdem ich dann 6 Monate so vor mich hin gelebt habe, weil „das Jahr ja gerade erst angefangen hat“, bekomme ich Panik. Das Jahr hat doch gar nicht gerade erst angefangen! Es ist schon wieder zur Hälfte vorbei! Und auf einmal geht alles ganz schnell, das Jahr ist vorbei und ein neues fängt an.

An Tagen wie heute wird mir immer bewusst, was andere Menschen mit ihrem Leben machen und was ich mit meinem Leben mache – vor allem aber, was ich damit machen könnte. Welche Chancen ungenutzt bleiben, aber auch welche ich ergriffen habe.

Dabei finde ich, dass die Zahl 365 so irreführend ist. Auf der einen Seite klingt sie nach so viel. 365 Tage an denen wir die Möglichkeit haben unser Leben selber in die Hand zu nehmen, doch jeder dieser Tage ist nur 24 Stunden lang. Und wie oft lässt einen Tag nach dem anderen einfach verstreichen? Aus 365 Tagen werden so schnell 320, dann 270; der Zähler geht immer weiter runter bis wir wieder mit Sektgläsern in der Hand auf den Straßen stehen und dabei zuschauen wie der Nachthimmel sich in bunten, glitzernden Farben ergießt.

Wie wird das Leben in einem Jahr aussehen? Es ist eine spannende und zugleich beängstigende Frage, denn obwohl es mit der Zeit so schnell gehen kann, ist sie zuweilen doch unberechenbar. Wo werde ich arbeiten? Wo werde ich leben? Werde ich jemanden an meiner Seite haben? Während sich für die einen kaum etwas ändern mag, kann sich für andere das komplette Leben in nur wenigen Monaten auf den Kopf stellen.

Zur Zeit befinde ich mich in einer Phase des Umbruchs und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie mein Leben 365 Tage später aussehen wird. Diese Vorstellung ist so beängstigend, aber auch so unheimlich aufregend. Ich bin mir sicher, dass ich arbeiten und eine eigene Wohnung haben werde, doch da hört es dann auch schon auf. Gerade wenn du dich wie ich zum Beispiel am Ende deines Wegs an der Uni befindest, oder auch wenn du gerade das Abitur gemacht hast und das Studium  oder die Ausbildung losgeht, dann wird es dir wahrscheinlich ähnlich gehen.

Und während manche scheinbar genau wissen, wie sie das Optimum aus diesen 365 Tagen herausholen, müssen andere von uns es noch lernen. Und dabei geht es nicht immer nur darum höher, schneller und weiter zu kommen. Man sollte immer nein sagen können, aber es ist genau so wichtig auch ja sagen zu können. Ja, zu neuen Erfahrungen und ja zum Sprung ins kalte Wasser. Es geht also auch darum Raum zu schaffen für spontane Entwicklungen.

Wie stehst du einem Jahr gegenüber? Begegnest du jedem neuen Schritt mit freudiger Erwartung, oder weißt du lieber genau, was auf dich zukommt?
Und vor allem: hast du eine Vorstellung davon, wo du dich in einem Jahr um die Zeit  in deinem Leben siehst?

10 Zeichen des Erwachsenwerdens

erwachsen

Lange wehrt man sich dagegen, das Erwachsen werden. Am liebsten wollen wir es ja gar nicht. Keine Verantwortung übernehmen, nur frei sein und das tun, was man gerade will. Doch manchmal passiert es ganz von alleine, ganz leise. Und manchmal fühlt es sich nicht einmal so schlimm an:

  1. Die Haushaltsabteilung im DM erscheint mit einem Mal in einem völlig anderen Licht. Putzmittel, das Fettflecken entfernt und auch noch nach Grapefruit riecht? Geil!
  2. Als Resultat von Punkt 1: das Putzen der Wohnung wird nicht mehr als lästig empfunden, sondern gewinnt einen meditativen Nebeneffekt, gefolgt von dem erhebenden Gefühl etwas vollbracht zu haben, wenn einem nicht mehr an jeder Ecke eine gefährliche Wollmaus entgegen springt.
  3.  Wehwehchen, die einem früher nie aufgefallen sind, werden nun zum echten Problem: „Schon wieder diese Rückenschmerzen! Ich glaube, ich muss mal zum Chiropraktiker.“
  4. Man fängt an sich bei Mama Tipps zu holen, um Pflanzen am Leben zu erhalten, während sie früher einfach vor sich hin gestorben sind.
  5. Man holt sich Pflanzen.
  6. „Was? Schon 12 Uhr Nachts? Jetzt sollte ich aber mal langsam ins Bett gehen. Ist ja schon soooo spät!“
  7. Wenn die Idee sein Essen für die nächsten Tage schon vorzuplanen äußerst attraktiv wirkt. Immerhin ist das auf Dauer billiger und gesünder als immer spontan die Tiefkühlpizza mitzunehmen.
  8. Auf der Wunschliste steht ganz oben „Waschmaschine“ oder „neuer Kühlschrank“ anstelle von „neue Staffel Game of Thrones “ (obwohl  Game of Thrones natürlich direkt dahinter ist).
  9. Die kaputte Glühbirne im Badezimmer wird gewechselt bevor man bereits 2 Monate im Dunkeln pinkeln gegangen ist.
  10. Man denkt tatsächlich darüber nach dieses eine Hemd doch mal zu bügeln, das seit einem Jahr ungetragen im Schrank hängt. Sieht ja schon ein wenig zerknittert aus, ne?

Zeit für den nächsten Schritt

Als ich noch in der Schule war, hieß es immer:
Genieß‘ diese Zeit. Du wirst es nie wieder so gut haben wie in der Schule.“ Da mir nicht sonderlich viel an meiner Schule lag, konnte ich das nie so recht glauben und um ehrlich zu sein, hat sich daran bis heute nichts geändert. Vielmehr feiere ich jedes Mal eine kleine Party in meinem Kopf, wenn ich an diesem hässlichen Bauklotz vorbei komme. Die Schule war für mich einer der Zeitabschnitte in meinem Leben, der einfach sein musste. Und obwohl es dort natürlich nicht immer nur schlecht war, wusste ich, dass es noch besser geht – dass das Leben mehr für mich bereit hält.

Dafür genoss ich meine Zeit in der Uni umso mehr. Ich konnte mich endlich mit einem Thema beschäftigen, das mich interessiert. Ich lernte so viele neue Leute kennen, von denen ich ein paar zu meinen engsten Freunden zähle. Die neue Stadt, die erste eigene Wohnung, die vielen unbekannten Situationen, all das hat mich selbstständiger und freier gemacht. Zumindest während des Bachelors.

Als ich mit meinem Master anfing, sah das ganze schon wieder etwas anders aus. So langsam fing man damit an, sich ernsthaft über die Zukunft Gedanken zu machen. Was mache ich, wenn ich hiermit fertig bin? Wie wird es mit mir weitergehen? Je näher meine Master-Arbeit rückte, desto mehr Angst bekam ich, denn ich hatte keine Ahnung, was mit mir passieren soll. Mit einem Abschluss in einem Orchideen-Fach kannst du im Prinzip alles und nichts machen. Hauptsächlich aber nichts – es sei denn, man orientiert sich um.

Jetzt, zwei Monate vor Abgabe meiner Arbeit verliert sich diese Angst in einer Art neugierigen Gleichgültigkeit. Während ich mich vorher vor allem gefragt habe, ob ich überhaupt einen Job kriegen würde, ist die Frage nun viel treffender wo. Ich weiß, dass ich trotz aller Zweifel nicht dauerhaft arbeitslos unter einer Brücke enden werde (auch wenn ich das manchmal gerne sage), doch ich weiß nicht, wo es mich hin verschlagen wird.

Ich stürze mich auf alles, was irgendwie zu meinem Interessens- und Erfahrungsprofil passt und hoffe das beste. Hauptsache, ich hänge nicht in einem halben Jahr immer noch ohne Perspektive rum und Hauptsache ich muss nicht mehr am Schreibtisch sitzen und diese vermaledeite Arbeit schreiben.

Zwar bin ich von Haus aus ein Gewohnheitsmensch, der nur ungern aus seinen festen Tagesabläufen gerissen wird, doch ich bin bereit. Ich bereit für neue Herausforderungen, bereit für neuen Input. Ich will mich weiter entwickeln, mein eigenes Geld verdienen und mir endlich eine Wohnung mit einer Waschmaschine und einer richtigen Küche leisten können.

Ich habe mich lange dagegen gesträubt, doch man merkt, dass ich langsam vielleicht doch erwachsen werde – wenigstens ein kleines bisschen. Zu studieren war bisher eine der besten Entscheidungen meines noch jungen Lebens, doch es soll nicht die einzige sein. Wenn ich mich in einem Jahr um die Zeit in einem Job wiederfinde, der mich ausfüllt, dann habe ich doch alles richtig gemacht, oder nicht? Wir können nie vorhersagen, was die Zukunft bringt. Was man die letzten 2 Jahre gewollt hat, kann schon morgen nicht mehr relevant sein, aber solange wir offen an Neues herangehen, kann uns doch nichts passieren. Hinfallen, aufstehen, weiter laufen und ab und zu mal nach links und recht schauen, ob es nicht noch einen anderen Weg gibt, den man einschlagen möchte. Und wenn man sich mal das Knie dabei aufschlägt, ist es auch nicht schlimm. Das geht wieder weg.

Am Ende sind es alles nur Erfahrungswerte und von denen kann man nie genug haben. Wenn du lange mit einer Entscheidung gehadert hast, die dein Leben maßgeblich verändern könnte, dann zögere sie nicht weiter hinaus, denn das Leben ist zu kurz, um immer nur auf der Stelle zu treten.

 

Pokémon Go – Albtraum eines Misanthropen

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Wer erinnert sich nicht an sein erstes Pokémon-Spiel? Ich habe es damals abgöttisch geliebt und Stunden mit meinem Game Boy verbracht. Und eben weil dieses Spiel auf so viele weitere Menschen in meinem Alter so einen Einfluss hatte, war es nur natürlich, dass die Ankündigung von Pokémon Go wie eine Bombe einschlagen würde.

Weil ich zu den fiesen „Hipstern“ gehöre, die Neuheiten und Neuauflagen von Klassikern grundsätzlich meiden, hatte ich ursprünglich geplant das Spiel, im Gegensatz zu den mehreren Millionen Bekloppten rund um den Erdball, erstmal zu boykottieren. Am Ende installierte ich das Spiel noch am deutschen Erscheinungstag – und wurde schnell mit ein paar Problemen konfrontiert, die nur Leute, die genau so menschenscheu und misanthrop wie ich selbst veranlagt sind, verstehen können. Alle anderen werden mich wohl ab sofort für vollkommen gaga halten.

Warum muss ich mich einem Team anschließen um zu kämpfen?

Sicher, wir lernen schon in der Schule, dass Team-Spirit wichtig ist. Einer für alle und alle für einen und so, aber warum werde ich dazu gezwungen mich einem Team anzuschließen, wenn ich kämpfen will? Mich persönlich hat ja keines der Teams wirklich angesprochen, also habe ich mich dem gelben Team angeschlossen, weil das meinem Gefühl nach das zu sein schien, das den geringsten Beliebtheitsgrad hat. Ein bisschen rebellisch sind wir dann ja doch, ne? Aber einen wirklichen Nutzen haben die Teams anscheinend auch nicht, außer dass sie das so genannte „in-group bias“ voll ausschöpfen und zu Unfrieden zwischen den einzelnen Teams sorgen.

So viele Menschen…

Ich wiederhole: SO viele Menschen. Selbst als ich gestern Abend gegen 21 Uhr für einen kleinen Spaziergang nach draußen ging, kamen mir überall Menschen entgegen, die ihren Blick wie hypnotisiert auf ihre Smartphones geheftet hatten. Sogar in Rudeln sind sie durch die Straßen gestreift! Aber kein Wunder, wenn schon Treffen dafür organisiert werden, an denen lockere mehrer Dutzend Leute teilnehmen. Dabei wollte ich doch nur mal nach draußen und nebenbei ein paar Pokémon fangen, aber doch nicht wenn da so ein Massenandrang herrscht. Wo bleibt denn da die Entspannung? Abgesehen davon turnt es mich schon ab, wenn ich mich so einem Hype hingebe und Menschen sofort sehen können, dass ich ihm erlegen bin, weil ich genau das gleiche Verhaltensmuster an den Tag lege (was mich am Ende nicht unbedingt besser macht). Ich habe also einen großen Bogen um Menschenansammlungen gemacht, die sich ja besonders gerne bei den Arenen tummeln, aber auch um Gruppen, die aus zwei oder mehr Leuten bestanden. Und ich habe versucht, mich möglichst unauffällig zu geben. Ich will schließlich auch nicht, dass mir jemand aufs Trapez guckt, wenn ich eines von den Tierchen fangen will. Dabei habe ich mich rückblickend wahrscheinlich nur noch verdächtiger gemacht…

Wow, so kommunikativ!

Von vielen wurde an Pokémon Go gelobt, dass es einem erlaubt mit anderen in Kontakt zu treten. Wie schon erwähnt, sind gerade die Arenen ein beliebter Treffpunkt und laden dazu ein neue Leute Kennen zu lernen. Man kann sich austauschen oder mit Freunden zusammen losziehen. An sich ist es ein netter Gedanke und ich kann es verstehen, warum er allgemein so positiv aufgenommen wird, aber mir kann man mit diesem Feature keine Freude machen. Gerade an Videospielen habe ich immer geschätzt, dass sie vollkommen ohne die Interaktion mit anderen Menschen auskommen. Ich muss mich mit niemandem treffen und ich muss mit niemandem reden. Perfekt! Natürlich zwingt mich auch jetzt keiner dazu, mich in den nächsten Kreis von Pokémon Go-Spielern zu werfen und „Hier bin ich!“ zu schreien, doch ich fände es nett, wenn ich zumindest an einem Kampf teilnehmen könnte, ohne mich in diese Gefahrenzone bewegen zu müssen, in der die Gefahr angesprochen zu werden, exponentiell um ein vielfaches ansteigt. Ich bin ein Jäger und Sammler und kein Talkshow-Moderator.

Der Hype

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gut darin bin, mich von Anfang an einem Hype anzuschließen. Aus diesem Grund habe ich mich lange dagegen gewehrt Harry Potter zu lesen oder Game of Thrones zu gucken. Je größer der Hype, desto größer mein Drang zu flüchten.Im Grunde ist es schön, wenn viele Menschen die gleiche Leidenschaft teilen und man sich mit einem größeren Kreis darüber austauschen kann. Ich für meinen Teil fand es aber immer schöner etwas zu haben, von dem ich das Gefühl habe, dass es eben nicht jedem gefällt. Etwas, das ich für mich behalten kann und das meinem eigenen persönlichen Vergnügen dient, ohne dass jemand anderes seinen Senf dazu gibt. Bei so Geschichten wie Pokémon Go ist es, zumindest für eine gewisse Zeit, unmöglich ihnen zu entkommen. Jeder redet darüber. Jeder spielt es und jeder bindet es einem 24/7 auf die Nase. Das einzig Schöne an so eine Hype ist, dass er irgendwann abflaut und alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

Ich muss sagen, dass ich das Spiel an sich für eine wunderbare Idee halte und dass es zugegebenermaßen viel Spaß macht, doch insgeheim ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn die Menschentrauben sich allmählich auflösen und ich nicht mehr an jeder Ecke hören muss: „Boah nee, schon wieder ein Taubsi!“

Ach ja, habe ich schon was für ein befremdliches Gefühl das ist, wenn man seine eigene Nachbarschaft auf der Karte eines Spiels sieht?