Das Alleinesein zelebrieren

AlleineseinSich mit seinen Freunden zu treffen, ist ja schön und gut, aber es ist mindestens genau so wichtig, auch mal Zeit mit sich selbst zu verbringen. Denn während man sich seine Freunde und die Zeiten an an denen man sie sieht, aussuchen kann, sieht es mit einem selbst anders aus. Man ist dazu gezwungen 24 Stunden am Tag mit sich selbst auszukommen. Bis einen irgendwann das Zeitliche segnet.

Deshalb finde ich es umso wichtiger, Routinen und Beschäftigungen zu haben, die nur für einen selbst gedacht sind. So sollte man nicht nur die Zeit mit seinen Liebsten zelebrieren, sondern auch die Zeit, die man mit sich selbst verbringt.

Für mich war das schon immer etwas vollkommen natürliches. Das mag zum einen damit zusammenhängen, dass ich als Einzelkind aufgewachsen bin und schon früh gelernt habe, dass das Alleinesein nichts schlimmes ist. Zum anderen bin ich von Natur aus ein Mensch, der die Zeit, die er ohne andere Menschen verbringen kann, sehr schätzt.

Trotzdem gibt es bei mir nach wie vor größere und kleinere Hemmnisse, die ich erst in jüngerer Zeit begonnen habe abzubauen. Viele Dinge sieht man im Kopf automatisch als Gruppenaktivitäten an, obwohl es objektiv betrachtet, keinen Sinn macht. Warum soll man nur mit Freunden ins Kino oder in ein Restaurant gehen können? Warum ist es bemitleidenswert, wenn man alleine in den Urlaub fliegt? Natürlich ist es schön, Leute um sich zu haben, mit denen man diese Erfahrungen teilen kann, aber es sollte einen nicht davon abhalten diese Dinge zu tun, wenn sich niemand dafür findet.

So habe ich letztes Jahr endlich damit begonnen, alleine ins Kino zu gehen. Zwar nicht immer, aber es kommt oft genug vor, dass ich einen Film sehen möchte, für den sich sonst niemand interessiert. Mittlerweile sehe ich es nicht mehr ein, einen Film zu verpassen, nur weil ich keine Begleitung habe (und während der Film läuft, kann man sich sowieso nicht unterhalten).

Das Gleiche gilt für Lokale und Cafés. Wenn ich dazu Lust habe, mich irgendwo gemütlich hinzusetzen, muss ich nicht zwingend jemanden dabei haben. Sich einfach mit einem Buch in ein Café zu setzen und dort einen Tee zu trinken, kann genau so erfüllend sein, wie sich dort mit einer Freundin zu treffen und zu quatschen. Es ist halt nur anders.

Die Zeit, die man mit sich selbst verbringt, wird viel zu häufig als selbstverständlich, manchmal sogar als Zeitverschwendung angesehen. Man macht ja meistens sowieso nichts besonderes, außer rumzuhängen. Aber selbst das ist für mich manchmal eine Art des Zelebrierens. Besonders wenn das bedeutet, es mir auf dem Sofa gemütlich zu machen und mir meine Lieblingssendung anzusehen. Das ist dann, aus meiner Sicht, keine Zeitverschwendung, sondern eine Art, mir etwas gutes zu tun.

Ich glaube, dass es wichtig für uns Menschen ist, zu lernen, dass wir die Zeit, die wir alleine mit uns verbringen genau so wertschätzen müssen, wie die Zeit, die wir für andere Menschen aufbringen. Denn nur, wenn wir wenigstens hin und wieder mal alleine sind, haben wir wirklich die Muße, um zu reflektieren, um Pläne zu schmieden und uns einfach um uns selbst zu kümmern. Und das vollkommen kompromisslos.

Zwar hat der Kopf dann auch Zeit, um uns mit den Dingen zu belästigen, über die wir eigentlich nicht so gerne nachdenken, die wir lieber verdrängen wollen, aber ewig können wir sie meistens doch nicht vor uns herschieben. Somit steht das Alleinesein auch dafür, dass man mit sich und seiner Umwelt nach und nach ins reine kommt.

Deshalb wünsche ich mir eine Welt, in der das Alleinesein nicht nur belächelt oder sogar bewusst vermieden wird. Es ist eine Form der Selbstheilung, der eigenen Weiterentwicklung und manchmal der einzige Weg, um zu lernen, wie man mit sich selbst klar kommt.

Viele Menschen im Leben kommen und gehen. Ob sie für immer gehen, oder nur temporär, sei dabei mal dahingestellt. Das einzige, was wirklich konstant ist und wovon man sich nicht zurückziehen kann, ist die eigene Gesellschaft.

Also nutze und kultiviere sie so gut du nur kannst.

Sei gut zu dir selbst.

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Erinnerungen an eine Frau

Abschied

Als meine Oma am 28.01.2014 starb, war es das erste Mal, dass ich wirklich mit dem Tod konfrontiert wurde. Wenige Tage später ihr Bild neben einer Urne mit ihren Überresten zu sehen, war surreal. Die Rede, die der Sprecher hielt, war ein makaberer Witz. Es hätte auch ein vorgelesenes Xing-Profil sein können.

In letzter Zeit musste ich öfter an sie denken. Daran, wie sie war, bevor sie starb. Bevor der Krebs sich mit aller Kraft seinen Weg durch ihren Körper gebahnt hat.

Wenn ich mich an die Zeit vor alledem zurückerinnere, dann komme ich nicht umhin zu lächeln. Sie war die stilvollste Dame, die ich kannte. Die Haare immer perfekt in Form gebracht, die Nägel akkurat gepflegt.

Ich erinnere mich an Weihnachten. Wenn wir mittags alle zusammen in ihrem Wohnzimmer saßen und sie wieder ein Festmahl für uns alle gemacht hatte. Dabei stöhnten wir schon vor Erschöpfung auf, weil wir genau wussten, dass es am Abend bei Opa weitergehen würde. Sie waren schon lange nicht mehr miteinander verheiratet.

Ich erinnere mich besonders an jenes Weihnachten, als ich zum ersten Mal ihren selbst aufgebrühten Kaffee getrunken habe. 4-5 Tassen waren es bestimmt. Seitdem habe ich nie wieder Kaffee getrunken. Mein Papa wird sich noch gut daran erinnern.

Zwetschgenknödel. Die hat sie ein Mal gemacht und ich habe sie nie vergessen.

All die Filme, die ich mit ihr zusammen im Kino gesehen habe… „Casanova“, „Stolz und Vorurteil“.  Ich glaube nicht, dass „Per Anhalter durch die Galaxie“ oder „Star Wars: Episode 1“ besonders gut gefallen haben, aber sie hat tapfer durchgehalten.

Die Karten für viele der Vorstellungen habe ich noch immer.

Sie war eine tolle Frau. Anders kann man es einfach nicht sagen.

Umso mehr schmerzt mich die Erinnerung an die Zeit nach der Diagnose bis zu ihrem Tod. Und hin und wieder sind da diese Schuldgefühle: Ich hätte sie öfter besuchen sollen, mehr für sie da sein sollen. Aber ich hatte Angst. Ich wollte nicht das Bild von ihr verlieren, das ich all die Jahre in mir getragen hatte.

Ich wollte den Verfall nicht sehen.

Doch jedes Mal, wenn ich sie in dieser Zeit sah, war ein weiterer Teil der Frau, die ich so geschätzt hatte, verschwunden.

Es ist ein eigentümliches Gefühl zu sehen, was der Krebs aus Menschen, die vorher eigenständig und gesund waren, machen kann.

Wie er ihren Verstand nach und nach in eine dunkle, schwere Wolke hüllt und sie körperlich und geistig vollkommen abhängig von Pflegern und Verwandten macht.

Diese Macht, die er über den Menschen hat, ist so unglaublich wie erschreckend.

Jetzt, mit ein paar Jahren Abstand, denke ich immer weniger an die schweren Zeiten und mehr an die schönen Momente, die wir hatten. An den Kaffee-Duft. An ihr Essen. Das Jazz-Konzert, das wir mal besucht haben. An ihre kleine Wohnung. Und die erste Fahrt mit meinem eigenen Auto dorthin.

Knapp 2 Jahre und und nur wenige Tage später, am 02.02.2016, erlag auch meine andere Oma dem Kampf gegen den Krebs. In ihrer Traueranzeige stehen einleitend folgende Worte:

„Du bist nicht mehr da, wo Du warst. Aber Du bist überall da, wo wir sind.“

Dem ist, meiner Meinung nach, nichts mehr hinzuzufügen.

Der größte Feind des Selbstbewusstseins

vergleichVergleiche sind schon etwas praktisches. Sie helfen uns dabei, uns und andere in einem größeren Kontext zu sehen und unsere Leistungen einzuordnen. Doch so praktisch sie sind, so toxisch können sie auch sein – nämlich wenn man sie zu persönlich nimmt und auf Bereiche bezieht, in denen sie eigentlich keinen Sinn machen.

Nehmen andere den Vergleich an mir vor, finde ich es nicht weiter schlimm. Wenn ich schlechter als jemand anderes abschneide, überlege ich mir woran das liegt und das Leben geht weiter. Weitaus schwerwiegender sind die Vergleiche, die ich mir selbst aufbürde und die nicht selten einen Hang zum Irrationalen haben. In nahezu allen Bereichen des Lebens ist es möglich, mit anderen zu konkurrieren. Das ist es auch, was die meisten Vergleiche prägt: Konkurrenz. Und für mich war das Gefühl, einem anderen Menschen in etwas nachzustehen, egal ob physisch, intellektuell oder charakteristisch gesehen, schon immer etwas, das ich nur schwer beiseite schieben konnte. Ich bin von Natur aus klein und schmal, was mich aber nie davon abhielt so viel schleppen zu wollen, wie Menschen, die eigentlich viel stärker sind als ich – einfach, weil ich nicht schwächer sein wollte. Wenn ich Menschen sehe, die erfolgreicher sind als ich, oder auf irgendeiner Ebene scheinbar mehr erreicht haben, ist das im ersten Moment ein Schlag ins Gesicht. Sofort frage ich mich, warum ich nicht so gut sein kann, wie andere, warum ausgerechnet bei mir alles länger dauert. Das nagt natürlich am Selbstbewusstsein.

In diesem Sinne sind Vergleiche sowohl größter Förderer, als auch größter Feind der Motivation. Andere und ihren Erfolg zu sehen, kann ein unglaublicher Ansporn sein, oder diese Tatkraft im Keim ersticken. Diese Tatsache wurde für mich selten so deutlich, wie in den letzten Wochen, die ich vor allem damit verbracht habe, Bewerbungen raus zu schicken. Denn, wer sich bei einer Firma bewirbt, wird mit Dutzenden von weiteren Bewerbern verglichen. Es kann sein, dass man direkt eine Absage bekommt. Manchmal dauert es aber auch mehrere Runden, bis der potenzielle Arbeitgeber sich, aus welchen Gründen auch immer, gegen einen und für jemand anderen entscheidet. In solchen Situationen über einen längeren Zeitraum hinweg immer wieder zu unterliegen, ist anstrengend, doch es bleibt einem nichts anderes übrig, als sich durchzubeißen.

Ähnlich verhält es sich mit Vergleichen im privaten Umfeld. Es wird immer diesen einen Freund geben, der viel mehr über ein bestimmtes Thema weiß als man selbst, oder der schon viel mehr im Leben erreicht zu haben scheint. All das kann, muss aber nicht, zu Missgunst und Neid führen. Dabei vergessen wir so häufig, dass der Akt des Vergleichens häufig unsinnig ist. Schließlich gibt es immer jemanden, der in etwas besser ist als wir und umgekehrt werden wir immer besser in etwas sein als andere.

Dieser Drang dazu, sich mit anderen zu messen, ist jedoch nur schwer abzuschalten. Wichtiger ist, wie man damit umgeht und dass man davon absieht, sich davon demotivieren zu lassen. Absagen zu bekommen, ist nach wie vor kein schönes Gefühl, doch wenn ich überlege, wie viele Firmen mich schon zum Bewerbungsgespräch eingeladen haben oder die Interesse an mir gezeigt haben, können meine Leistungen gar nicht so schlecht sein. Ich bin also auf einem guten Weg. Und auch wenn ich nicht viel über Technik und Computer weiß, kann nicht jeder mit meinem Wissen über Filmklassiker mithalten. Zu schnell vergisst man, dass die Medaille immer zwei Seiten hat.

Genau so gilt folgendes: Choose your battles wisely. Es bringt nichts, als Laie deine Fähigkeiten im Turmspringen mit denen eines Profis zu vergleichen. Suche den Vergleich nach Möglichkeit nur in Bereichen und mit Leuten, die deinem Stand und deinen aktuellen Fähigkeiten entsprechen. Alles andere führt nur zu unnötiger Frustration.

Nicht umsonst bezeichne ich im Titel den Vergleich als den größten Feind des Selbstbewusstseins. Schließlich müssten wir uns keine Gedanken darum machen, ob wir „gut genug“ sind, wenn wir nicht andere Menschen hätten, mit denen wir uns messen. Wir wären sonst einfach nur wir und vermutlich auch recht zufrieden damit. So ist das Leben aber nicht und deshalb kann ich jedem nur ans Herz legen, sich nicht verrückt zu machen, nur weil man weniger Geld verdient als jemand anderes, oder nicht so schnell durch den Park joggt. Außerdem weiß man nie, worum die anderen Menschen einen beneiden.

Nostalgie für das Unbekannte

noastalgie

„No loss is felt more keenly than the loss of what might have been. No nostalgia hurts as much as nostalgia for things that never existed.“

Rabih Alameddine, an unnecessary woman

Wie oft stellen wir uns Szenen aus unserem Leben vor, die eigentlich nie passiert sind? Dieser eine perfekte Tag, oder diese eine perfekte Nacht, wo einfach alles passt. Manchmal sind es aber auch nur ganz kurze, aber prägnante Momente. Von manchen Szenen haben wir eine sehr klare Vorstellung: wir kennen den Ort, den Zeitpunkt, können sogar die Leute beim Namen nennen, die mit dabei waren. Und doch ist es nie passiert.  Wir haben lediglich das Drehbuch dafür verfasst.

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Zusammen ist man weniger allein?

Zusammen

Ich habe nie geglaubt, dass ich zwingend einen anderen Menschen an meiner Seite brauche um mich ganz zu fühlen. Die meiste Zeit meines Lebens war ich mir selbst genug. Vielleicht liegt das an meiner Mentalität als Einzelkind. Ich war es schon immer gewohnt alleine zu sein und mit mir selbst aus zukommen. Und so sehr ich die Zeit mit den Menschen, die mir am Herzen liegen auch schätze, am Ende bin ich immer froh, wenn ich irgendwann  endlich wieder alleine bin.

In einer Welt in der nur gehört wird wer am lautesten schreit, wird einem am laufenden Band zu verstehen gegeben, dass es nicht richtig ist, wenn man alleine sein will; dass es nicht gut ist, wenn man still ist; dass man zusammen einfach weniger allein ist. Dabei habe ich nie verstanden, was daran schlecht ist allein zu sein. Man kann tun, was man will und voll und ganz auf die eigenen Bedürfnisse eingehen ohne Kompromisse eingehen zu müssen.

Allerdings verstehe ich allmählich, was passiert, wenn man zu viel Zeit allein verbringt. Man tendiert dazu ein wenig abzustumpfen. Damit will ich nicht sagen, dass ich unsensibel bin und mich nicht in meine Mitmenschen hineinversetzen kann. Vielmehr meine ich damit, dass es schwieriger wird,die eigenen Gefühle nach außen zu kehren. Es scheint nicht sonderlich wichtig zu sein. Immerhin macht man sowieso alles mit sich selbst aus. Dabei verletzt man andere oftmals mehr indem man ihnen nichts erzählt, als dass man sie mit den eigenen Sorgen und Ängsten belästigt.

Ich bin kein Mensch, der in die Welt hinausgeht, um zwanghaft nach Gleichgesinnten zu suchen mit denen ich mich austauschen kann. Ich brauche niemanden, der mich bei jedem kleinen Schritt, den ich gehe, bekräftigt. Ich brauche niemanden, der mir sagt, dass er gerne Zeit mit mir verbringt. Ich brauche niemanden, der mich in den Arm nimmt. All das brauche ich nicht.

Nichtsdestotrotz ist es schön jemanden zu haben, der all diese Dinge tut. Es geht nicht immer nur darum, ob man das Gefühl hat, dass etwas wirklich nötig ist. Manchmal reicht es schon, wenn es einfach nur gut tut. Das Schwierige dabei ist, es hinzunehmen und auch zuzugeben – nicht nur vor sich selbst, sondern gerade vor anderen.

Bestätigung, Zuneigung, Zärtlichkeit.

All das wird viel zu oft im Kampf um Autonomie und Selbstzufriedenheit geopfert. Denn so krampfhaft wie manche Menschen versuchen nicht alleine zu sein, so krampfhaft versuchen andere ihre Mitmenschen nicht zu nah an sich heran zu lassen. Und je länger man sich dagegen sträubt sich emotional auf jemanden einzulassen, desto schwieriger wird es überhaupt eine Bindung zu jemanden aufzubauen.

Wer wirklich alle Schotten dicht macht, steht irgendwann ganz allein da. Und alles, was dann an die Tür klopft, wirkt bedrohlich und beängstigend. Dabei sollten Menschen doch genau das nicht sein. In der Regel sind sie es auch nicht, aber diese kleine Insel auf der man sitzt, ist zu bequem um sie einfach so zu verlassen. Denn was passiert, wenn man sich auf einen anderen Menschen einlässt? Entweder lassen sie einen irgendwann kalt oder sie werden einem wichtig,was weitaus gruseliger ist. Manchmal werden sie sogar so wichtig, dass man plötzlich nicht mehr nur allein sein möchte. Ein Gedanke, der beängstigend wirken kann.

Zusammen ist man weniger allein. Früher habe ich mal über diesen Spruch gelacht und geglaubt, dass der nur von jemandem kommen kann, der mit sich selbst nicht im reinen ist, der nicht allein sein kann, weil er es nicht gewöhnt ist. Die Wahrheit ist aber viel unbequemer: Ich habe nie gelernt, wie man mit jemandem zusammen funktioniert.

Allein sein zu wollen ist nicht falsch, doch es ist genau so wenig falsch es sich einzugestehen, wenn man es nicht mehr sein möchte.

 

Zeit für den nächsten Schritt

Als ich noch in der Schule war, hieß es immer:
Genieß‘ diese Zeit. Du wirst es nie wieder so gut haben wie in der Schule.“ Da mir nicht sonderlich viel an meiner Schule lag, konnte ich das nie so recht glauben und um ehrlich zu sein, hat sich daran bis heute nichts geändert. Vielmehr feiere ich jedes Mal eine kleine Party in meinem Kopf, wenn ich an diesem hässlichen Bauklotz vorbei komme. Die Schule war für mich einer der Zeitabschnitte in meinem Leben, der einfach sein musste. Und obwohl es dort natürlich nicht immer nur schlecht war, wusste ich, dass es noch besser geht – dass das Leben mehr für mich bereit hält.

Dafür genoss ich meine Zeit in der Uni umso mehr. Ich konnte mich endlich mit einem Thema beschäftigen, das mich interessiert. Ich lernte so viele neue Leute kennen, von denen ich ein paar zu meinen engsten Freunden zähle. Die neue Stadt, die erste eigene Wohnung, die vielen unbekannten Situationen, all das hat mich selbstständiger und freier gemacht. Zumindest während des Bachelors.

Als ich mit meinem Master anfing, sah das ganze schon wieder etwas anders aus. So langsam fing man damit an, sich ernsthaft über die Zukunft Gedanken zu machen. Was mache ich, wenn ich hiermit fertig bin? Wie wird es mit mir weitergehen? Je näher meine Master-Arbeit rückte, desto mehr Angst bekam ich, denn ich hatte keine Ahnung, was mit mir passieren soll. Mit einem Abschluss in einem Orchideen-Fach kannst du im Prinzip alles und nichts machen. Hauptsächlich aber nichts – es sei denn, man orientiert sich um.

Jetzt, zwei Monate vor Abgabe meiner Arbeit verliert sich diese Angst in einer Art neugierigen Gleichgültigkeit. Während ich mich vorher vor allem gefragt habe, ob ich überhaupt einen Job kriegen würde, ist die Frage nun viel treffender wo. Ich weiß, dass ich trotz aller Zweifel nicht dauerhaft arbeitslos unter einer Brücke enden werde (auch wenn ich das manchmal gerne sage), doch ich weiß nicht, wo es mich hin verschlagen wird.

Ich stürze mich auf alles, was irgendwie zu meinem Interessens- und Erfahrungsprofil passt und hoffe das beste. Hauptsache, ich hänge nicht in einem halben Jahr immer noch ohne Perspektive rum und Hauptsache ich muss nicht mehr am Schreibtisch sitzen und diese vermaledeite Arbeit schreiben.

Zwar bin ich von Haus aus ein Gewohnheitsmensch, der nur ungern aus seinen festen Tagesabläufen gerissen wird, doch ich bin bereit. Ich bereit für neue Herausforderungen, bereit für neuen Input. Ich will mich weiter entwickeln, mein eigenes Geld verdienen und mir endlich eine Wohnung mit einer Waschmaschine und einer richtigen Küche leisten können.

Ich habe mich lange dagegen gesträubt, doch man merkt, dass ich langsam vielleicht doch erwachsen werde – wenigstens ein kleines bisschen. Zu studieren war bisher eine der besten Entscheidungen meines noch jungen Lebens, doch es soll nicht die einzige sein. Wenn ich mich in einem Jahr um die Zeit in einem Job wiederfinde, der mich ausfüllt, dann habe ich doch alles richtig gemacht, oder nicht? Wir können nie vorhersagen, was die Zukunft bringt. Was man die letzten 2 Jahre gewollt hat, kann schon morgen nicht mehr relevant sein, aber solange wir offen an Neues herangehen, kann uns doch nichts passieren. Hinfallen, aufstehen, weiter laufen und ab und zu mal nach links und recht schauen, ob es nicht noch einen anderen Weg gibt, den man einschlagen möchte. Und wenn man sich mal das Knie dabei aufschlägt, ist es auch nicht schlimm. Das geht wieder weg.

Am Ende sind es alles nur Erfahrungswerte und von denen kann man nie genug haben. Wenn du lange mit einer Entscheidung gehadert hast, die dein Leben maßgeblich verändern könnte, dann zögere sie nicht weiter hinaus, denn das Leben ist zu kurz, um immer nur auf der Stelle zu treten.

 

Pokémon Go – Albtraum eines Misanthropen

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Wer erinnert sich nicht an sein erstes Pokémon-Spiel? Ich habe es damals abgöttisch geliebt und Stunden mit meinem Game Boy verbracht. Und eben weil dieses Spiel auf so viele weitere Menschen in meinem Alter so einen Einfluss hatte, war es nur natürlich, dass die Ankündigung von Pokémon Go wie eine Bombe einschlagen würde.

Weil ich zu den fiesen „Hipstern“ gehöre, die Neuheiten und Neuauflagen von Klassikern grundsätzlich meiden, hatte ich ursprünglich geplant das Spiel, im Gegensatz zu den mehreren Millionen Bekloppten rund um den Erdball, erstmal zu boykottieren. Am Ende installierte ich das Spiel noch am deutschen Erscheinungstag – und wurde schnell mit ein paar Problemen konfrontiert, die nur Leute, die genau so menschenscheu und misanthrop wie ich selbst veranlagt sind, verstehen können. Alle anderen werden mich wohl ab sofort für vollkommen gaga halten.

Warum muss ich mich einem Team anschließen um zu kämpfen?

Sicher, wir lernen schon in der Schule, dass Team-Spirit wichtig ist. Einer für alle und alle für einen und so, aber warum werde ich dazu gezwungen mich einem Team anzuschließen, wenn ich kämpfen will? Mich persönlich hat ja keines der Teams wirklich angesprochen, also habe ich mich dem gelben Team angeschlossen, weil das meinem Gefühl nach das zu sein schien, das den geringsten Beliebtheitsgrad hat. Ein bisschen rebellisch sind wir dann ja doch, ne? Aber einen wirklichen Nutzen haben die Teams anscheinend auch nicht, außer dass sie das so genannte „in-group bias“ voll ausschöpfen und zu Unfrieden zwischen den einzelnen Teams sorgen.

So viele Menschen…

Ich wiederhole: SO viele Menschen. Selbst als ich gestern Abend gegen 21 Uhr für einen kleinen Spaziergang nach draußen ging, kamen mir überall Menschen entgegen, die ihren Blick wie hypnotisiert auf ihre Smartphones geheftet hatten. Sogar in Rudeln sind sie durch die Straßen gestreift! Aber kein Wunder, wenn schon Treffen dafür organisiert werden, an denen lockere mehrer Dutzend Leute teilnehmen. Dabei wollte ich doch nur mal nach draußen und nebenbei ein paar Pokémon fangen, aber doch nicht wenn da so ein Massenandrang herrscht. Wo bleibt denn da die Entspannung? Abgesehen davon turnt es mich schon ab, wenn ich mich so einem Hype hingebe und Menschen sofort sehen können, dass ich ihm erlegen bin, weil ich genau das gleiche Verhaltensmuster an den Tag lege (was mich am Ende nicht unbedingt besser macht). Ich habe also einen großen Bogen um Menschenansammlungen gemacht, die sich ja besonders gerne bei den Arenen tummeln, aber auch um Gruppen, die aus zwei oder mehr Leuten bestanden. Und ich habe versucht, mich möglichst unauffällig zu geben. Ich will schließlich auch nicht, dass mir jemand aufs Trapez guckt, wenn ich eines von den Tierchen fangen will. Dabei habe ich mich rückblickend wahrscheinlich nur noch verdächtiger gemacht…

Wow, so kommunikativ!

Von vielen wurde an Pokémon Go gelobt, dass es einem erlaubt mit anderen in Kontakt zu treten. Wie schon erwähnt, sind gerade die Arenen ein beliebter Treffpunkt und laden dazu ein neue Leute Kennen zu lernen. Man kann sich austauschen oder mit Freunden zusammen losziehen. An sich ist es ein netter Gedanke und ich kann es verstehen, warum er allgemein so positiv aufgenommen wird, aber mir kann man mit diesem Feature keine Freude machen. Gerade an Videospielen habe ich immer geschätzt, dass sie vollkommen ohne die Interaktion mit anderen Menschen auskommen. Ich muss mich mit niemandem treffen und ich muss mit niemandem reden. Perfekt! Natürlich zwingt mich auch jetzt keiner dazu, mich in den nächsten Kreis von Pokémon Go-Spielern zu werfen und „Hier bin ich!“ zu schreien, doch ich fände es nett, wenn ich zumindest an einem Kampf teilnehmen könnte, ohne mich in diese Gefahrenzone bewegen zu müssen, in der die Gefahr angesprochen zu werden, exponentiell um ein vielfaches ansteigt. Ich bin ein Jäger und Sammler und kein Talkshow-Moderator.

Der Hype

Wer mich kennt weiß, dass ich nicht gut darin bin, mich von Anfang an einem Hype anzuschließen. Aus diesem Grund habe ich mich lange dagegen gewehrt Harry Potter zu lesen oder Game of Thrones zu gucken. Je größer der Hype, desto größer mein Drang zu flüchten.Im Grunde ist es schön, wenn viele Menschen die gleiche Leidenschaft teilen und man sich mit einem größeren Kreis darüber austauschen kann. Ich für meinen Teil fand es aber immer schöner etwas zu haben, von dem ich das Gefühl habe, dass es eben nicht jedem gefällt. Etwas, das ich für mich behalten kann und das meinem eigenen persönlichen Vergnügen dient, ohne dass jemand anderes seinen Senf dazu gibt. Bei so Geschichten wie Pokémon Go ist es, zumindest für eine gewisse Zeit, unmöglich ihnen zu entkommen. Jeder redet darüber. Jeder spielt es und jeder bindet es einem 24/7 auf die Nase. Das einzig Schöne an so eine Hype ist, dass er irgendwann abflaut und alles wieder seinen gewohnten Gang geht.

Ich muss sagen, dass ich das Spiel an sich für eine wunderbare Idee halte und dass es zugegebenermaßen viel Spaß macht, doch insgeheim ich freue mich jetzt schon auf den Moment, wenn die Menschentrauben sich allmählich auflösen und ich nicht mehr an jeder Ecke hören muss: „Boah nee, schon wieder ein Taubsi!“

Ach ja, habe ich schon was für ein befremdliches Gefühl das ist, wenn man seine eigene Nachbarschaft auf der Karte eines Spiels sieht?