Kein Student mehr… und jetzt?

weiterNach einer Masterarbeits-bedingten Auszeit melde ich mich wieder zurück. Die letzten 3 Tage vor der Abgabe habe ich mehr oder weniger auf dem Zahnfleisch kriechend verbracht und versucht, die letzten Fehler auszumerzen. Vor etwas über einer Woche dann endlich die Abgabe. Obwohl ich ja zugeben muss, dass ich viel früher hätte fertig sein können, wenn das Leben nicht ein paar andere Dinge in diesem Jahr mit mir und meinen Lieben vorgehabt hätte, aber darum soll es hier nicht gehen.

Als ich meine Arbeit von der Druckerei abgeholt habe und mit den Fingern über den dunkelroten Hardcover-Einband strich, konnte ich nicht anders, als ein bisschen stolz zu sein. Zwar hatte ich mir mehr Zeit gelassen als viele andere, doch am Ende bin auch ich fertig geworden. Allein das sollte schon ein kleiner Grund zum feiern sein; 86 Seiten geballtes (Halb)Wissen, die mein 6-Jähriges Studenten-Dasein mit einem Mal beendet haben. Ein komisches Gefühl, wenn man mal ehrlich ist. Das soll es jetzt gewesen sein?

Nachdem ich den ersten Moment der Euphorie hinter mir gelassen hatte, kamen noch während meines Wegs nach Hause die ersten Zweifel: Habe ich irgendwas vergessen? Habe ich irgendwo „anal“ statt „fatal“ geschrieben? Eigentlich sollte es extra Gummipunkte dafür geben, dass ich die Namen und Titel meiner Dozenten richtig abgetippt habe. Mit einem Mal fielen mir die dümmsten Sachen ein, die ich garantiert falsch gemacht habe. Vor allem in den Tagen kurz nach der Abgabe, fiel es mir schwer, meine Word-Datei nicht nochmal zu öffnen und mit der Lupe nach jedem kleinen Fehler zu suchen, den ich gemacht habe.

Am Ende hätte das keine das aber keine Bedeutung mehr, außer dass ich mich umsonst ärgern würde. Somit harre ich nur noch der Dinge, die da kommen mögen und hoffe auf die Gunst meiner Korrektoren. Die Arbeit ist jetzt jedenfalls weg und mein Leben als Student damit auch. Und obwohl ich gerade in den letzten Monaten dabei war, mich mit diesem Gedanken anzufreunden, bin ich mir gerade nicht so sicher, was ich davon halten soll.

Vor allem im Bachelor hatte ich einfach eine wunderbare Zeit: super Freunde, mit denen ich mich oft getroffen habe, lange Nächte mit meinen Mitbewohnerinnen, der Stress, wenn die Prüfungen anstanden und man sich jedes Mal einzureden versuchte, dass man nächstes Mal früher anfangen würde zu lernen… Damals fühlte ich mich unglaublich frei. Das relativierte sich mit dem Master-Studium. Auf einmal standen nicht mehr die Entdeckung und das Leben im Vordergrund, sondern die Zukunft.

„Du hast nicht mehr viel Zeit. Was willst du machen, wenn du fertig bist?“

Zu sagen, dass man sich an diesem Punkt eventuell etwas verloren fühlt, ist eine grobe Untertreibung. Mittlerweile bin ich relativ optimistisch, was meine Zukunft angeht, doch ich werde das Gefühl nicht los, dass ich zumindest vorläufig mit der Master-Arbeit auch ein Stück meiner Identität abgegeben habe. Wenn mich jemand auf einer Familienfeier gefragt hat, was ich bin, konnte ich sagen: „Studentin.“ Erst wenn es um den Studiengang ging, fing das große Rumgedruckse mit der Flucht zur Toilette an. Doch was sage ich jetzt, wenn mich jemand fragt, was ich bin?

„Zwischen den Stühlen.“

Das wäre wohl die Antwort, die der Wahrheit am nächsten kommt. Denn obwohl ich das Glück habe, nicht von der Uni direkt auf die Straße geflogen zu sein, bin ich nicht wirklich angekommen. Keiner weiß, wo ich dann sein oder was ich tun werde. Am allerwenigsten ich selbst. Während die meisten es als Nachteil ansehen würden, dass ich kein klares Ziel vor Augen habe, versuche ich die Vorteile daran zu sehen, denn diese Ziellosigkeit macht mich auch offener für neues und das ist es doch, was dieser Lebensabschnitt nach dem Studium sein soll:

Ein Neuanfang. Man muss nicht zwangsläufig an das anknüpfen, was bisher war, denn der Mensch hat so viele Richtungen, in die er sich entwickeln kann und so viele Potenziale, die er wohl niemals ausschöpfen würde, wenn er nicht hin und wieder den Blick über den Tellerrand wagt. Es ist traurig, dass ich mein Studium nun hinter mir gelassen habe und eben weil ich so traurig darüber bin, bin ich umso glücklicher darüber, dass ich die Chance hatte, Dinge zu erleben, die mich so erfüllt und geprägt haben, dass ich traurig über ihr Dahinscheiden sein kann.

Wahrscheinlich ist gerade deshalb der Blick nach vorne – ins Ungewisse- so wichtig. Ich weiß noch nicht, was sich hinter der Tür verbirgt, vor der ich gerade stehe. Ich kann nur ganz nah herantreten, ein Ohr auf das warme Holz legen und versuchen etwas zu hören. Doch ich weiß, dass hinter ihr viele neue Erfahrungen auf mich warten, die es wert sind gelebt zu werden.

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„Ich will alles. Nur nicht so ganz.“

Sprung

„Vegan würde ich ja schon gerne mal ausprobieren, aber ich mag Fleisch so gerne. Das muss ja voll hart sein!“
„Ein bis zwei Jahre im Ausland wären schon geil, aber dafür muss man so viel planen. Wahrscheinlich klappt das sowieso nicht.“
„Eigentlich hätte ich gerne eine Beziehung, aber single zu sein ist so bequem. Da muss ich keine Kompromisse eingehen.“

Fast jeden Tag nehmen wir uns Dinge vor, die wir tun oder erreichen wollen. Egal, ob das nur Kleinigkeiten sind, die auf einem Klebezettelchen als To Do-Liste abgehakt werden, oder Dinge, von denen wir glauben, dass sie unser ganzes Leben verändern könnten. Was auch immer wir machen wollen, dieser gute Wille alleine reicht oft nicht. Continue reading „„Ich will alles. Nur nicht so ganz.““

365 Tage Leben – und ein Blick in die Zukunft?

Feuerwerk

Während ich das hier schreibe, feiert eine meiner engsten Freundinnen ihren ersten Hochzeitstag. Heute vor einem Jahr hat sie geheiratet. Dabei fühlt es sich noch so frisch an, als wäre es erst gestern gewesen. Heute ist also definitiv noch nicht Silvester, doch Ereignisse wie dieses lassen einen trotzdem über das nachdenken, was einem bisher im Leben passiert ist, insbesondere in dieser einen Zeitspanne. Innerhalb dieses einen Jahres war ich zwei Mal in Schottland, habe eine Beförderung auf der Arbeit erhalten, angefangen meine Master-Arbeit zu schreiben und ich habe angefangen Ukulele zu lernen. Und natürlich waren da noch viele andere große und kleine Dinge, die ich an dieser Stelle nicht alle aufzählen kann.

Wenn ein neues Jahr anfängt, frage ich mich immer, was ich mit der ganzen Zeit machen soll, vor allem aber wie ich sie sinnvoll nutzen kann. Es werden Pläne geschmiedet von denen vielleicht die Hälfte wirklich umgesetzt wird. Nachdem ich dann 6 Monate so vor mich hin gelebt habe, weil „das Jahr ja gerade erst angefangen hat“, bekomme ich Panik. Das Jahr hat doch gar nicht gerade erst angefangen! Es ist schon wieder zur Hälfte vorbei! Und auf einmal geht alles ganz schnell, das Jahr ist vorbei und ein neues fängt an.

An Tagen wie heute wird mir immer bewusst, was andere Menschen mit ihrem Leben machen und was ich mit meinem Leben mache – vor allem aber, was ich damit machen könnte. Welche Chancen ungenutzt bleiben, aber auch welche ich ergriffen habe.

Dabei finde ich, dass die Zahl 365 so irreführend ist. Auf der einen Seite klingt sie nach so viel. 365 Tage an denen wir die Möglichkeit haben unser Leben selber in die Hand zu nehmen, doch jeder dieser Tage ist nur 24 Stunden lang. Und wie oft lässt einen Tag nach dem anderen einfach verstreichen? Aus 365 Tagen werden so schnell 320, dann 270; der Zähler geht immer weiter runter bis wir wieder mit Sektgläsern in der Hand auf den Straßen stehen und dabei zuschauen wie der Nachthimmel sich in bunten, glitzernden Farben ergießt.

Wie wird das Leben in einem Jahr aussehen? Es ist eine spannende und zugleich beängstigende Frage, denn obwohl es mit der Zeit so schnell gehen kann, ist sie zuweilen doch unberechenbar. Wo werde ich arbeiten? Wo werde ich leben? Werde ich jemanden an meiner Seite haben? Während sich für die einen kaum etwas ändern mag, kann sich für andere das komplette Leben in nur wenigen Monaten auf den Kopf stellen.

Zur Zeit befinde ich mich in einer Phase des Umbruchs und ich kann beim besten Willen nicht sagen, wie mein Leben 365 Tage später aussehen wird. Diese Vorstellung ist so beängstigend, aber auch so unheimlich aufregend. Ich bin mir sicher, dass ich arbeiten und eine eigene Wohnung haben werde, doch da hört es dann auch schon auf. Gerade wenn du dich wie ich zum Beispiel am Ende deines Wegs an der Uni befindest, oder auch wenn du gerade das Abitur gemacht hast und das Studium  oder die Ausbildung losgeht, dann wird es dir wahrscheinlich ähnlich gehen.

Und während manche scheinbar genau wissen, wie sie das Optimum aus diesen 365 Tagen herausholen, müssen andere von uns es noch lernen. Und dabei geht es nicht immer nur darum höher, schneller und weiter zu kommen. Man sollte immer nein sagen können, aber es ist genau so wichtig auch ja sagen zu können. Ja, zu neuen Erfahrungen und ja zum Sprung ins kalte Wasser. Es geht also auch darum Raum zu schaffen für spontane Entwicklungen.

Wie stehst du einem Jahr gegenüber? Begegnest du jedem neuen Schritt mit freudiger Erwartung, oder weißt du lieber genau, was auf dich zukommt?
Und vor allem: hast du eine Vorstellung davon, wo du dich in einem Jahr um die Zeit  in deinem Leben siehst?